Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

Leipzig aus französischen Augen

Von Caroline Tonche

Ich kann suchen, aber finde ich nichts in all meinen Medikamenten, etwas helfendes gegen die „Sonntagabend-Depression“. Natürlich hat mich niemand vor dieser Krankheit gewarnt, als ich den Vertrag Erasmus untergeschrieben habe. Kennt ihr Erasmus? Er hat L’éloge de la Folie (Das Lob des Irrsinns) geschrieben… Ist das als Aufforderung gemeint?! Seit kurzem bin ich in Leipzig und es gibt schon so viel zu erzählen. Es reicht allein, wenn man sich meine Telefonrechnung anschaut. Aber das Austauschsprogram ist nicht nur von Depression und Heimatlandnostalgie begleitet. Im Gegenteil.

Das Leben ist ganz ähnlich dem Film ‘L’Auberge espagnole’: Während der ersten Stunden ist es schwer zu begreifen, dass dieses Viertel jetzt meine Umgebung ist, dass diese Leute meine neuen Nachbarn sind, dass ich zehn Monate hier bleiben werde. Und zehn Monate sind keine Kleinigkeit. Ich bin am Anfang Oktober angekommen. Eine kurze Ruhepause, nach den immerhin zehn Stunden im Zug, und schon bin ich wieder unterwegs, schliesslich muss ich die Stadt meiner Wahl entdecken! Viele Leute, ein sonniger Tag: genau wie ich es mir vorgestellt habe. Also gut! Aber bleibt es noch der vorraussehbare Stress des folgenden Tags mit der Immatrikulation. Für die Französin, die ich bin, bedeutet Immatrikulation exorbitanten Verwaltungsdienst und dies wiederum Papierkrieg, Komplikation und Enttäuschung. Mit einem Wort, Hilfe!

Unvergessliche erste Tage

Mittwoch 9 Uhr, ich bin an Deck, melde mich zum Dienst. Ausgestattet mit meinen massigen Unterlagenbündeln bin ich bereit, mit dem Unternehmen weiterer Schritte zu beginnen. Überraschung und Erleichterung: Alles scheint völlig vollkommen. Ein Traum. Mein ganzes Studentenleben möchte ich ein Erasmus sein! Ich bin richtig angemeldet, ich habe die richtige Aufenthaltserlaubnis und die richtigen Schlüssel meiner richtigen Wohnung. Bin ich jetzt eine Leipzigerin? Da bin ich nicht so sicher… Denn in fünf Tagen fängt die Universität an und ich habe noch nicht einmal einen Zeitplan. Damit Ihr mich nicht falsch versteht: in Frankreich gibt es keine Wahlfreiheit. Wir bekommen unsere Veranstaltungen vorgegeben. Das hat Vorteile, denn wir müssen uns nicht entscheiden, aber es hat vor allem Nachteile. Wir studieren auf einen Titel zu… und oft sind wir enttäuscht von dem fachlichen Inhalt.

Ich habe das Gefühl, dass ich meinen ersten Tag an der Universität Leipzig nie vergessen werde. Ein Schock. Vor dem Seminarraum: Studenten. Viele Studenten. Zu viele Studenten. Ein vollbesetztes Zimmer, Stühle im Gang und ich bin hinter dem Ganzen. Wie konnte ich wissen, dass wir eine Stunde vor Beginn der Vorlesung anwesend sein müssen, um einen Platz zu haben? Um die erste Woche zusammenzufassen: Spannung, Lachkrampf (wegen der Spannung) und ein liebevoll gehauchtes „Seid ihr wirklich sicher, dass ihr ausgerechnet bei meiner Vorlesung zugegen sein möchtet? Prof. Dr. Xy macht dieselbe und es gibt mehr freie Plätze!“ Und jetzt? Alles ist gut. Ich habe „viel Spass“, wie ihr sagt. Vorlesungen sind äußerst interessant, ich habe mehr als 200 Mal gefragt: „Ist diese Stelle frei?“ und ich überquere die Strasse nur noch bei Grün…

Leave a Response

Please note: comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.