„Man darf niemanden bevormunden“
Mit der französischen Skandalregisseurin Catherina Breillat sprach Caroline Tronche.
Madame Breillat, wenn man Ihr filmisches und literarisches Werk betrachtet, stellt sich die Frage: Was sind Ihre Tabus? Denken Sie, dass sie bewusst übertreten werden müssen?
Wie alle Leute habe auch ich natürlich Tabus. Und das sind Tabus über unsere Gesellschaft. Das „Tabu“ ist eine Hülse, die man mit Leben füllen muss, um sie richtig zu begreifen. Wichtig ist das wirkliche Überschreiten des Tabus. Man kann es tun nachdem wir unserer grauenhaften Angst getrotzt haben. Jeder muss es tun. Aber eine Demokratie der zwei Geschwindigkeiten existiert nicht. Jede Fiktion ist ein Exorzismus. Deshalb sind „Zensoren“, die beurteilen was wir sehen können oder nicht, sehr problematisch. Was sind die denn, Übermenschen? Man darf niemanden bevormunden. Niemand ist gezwungen, ins Kino zu gehen. Also warum diese Zensur?
Im Rahmen der zehnten französischen Filmtage in Leipzig waren Sie eingeladen, um Frankreichs Regisseure zu vertreten. Ist die Rezeption des deutschen Publikums anders als diejenige in Frankreich?
Wir in Frankreich bemerken es nicht, aber nach altem Brauch analysieren wir oft die Gefühle, was in anderen Ländern selten ist. In der französischen Öffentlichkeit ist mein Schaffen sehr umstritten, während man es im Ausland im Gegenteil als „très French“ betrachtet. In diesem Sinne sind die Publikumsreaktionen sind unterschiedlich. „36 Fillette“ („36 Mädchen“, 1987) war ein echtes Fiasko in Frankreich, wurde anderswo aber sehr herzlich betrachtet. Das ist vergleichbar mit den japanischen Lithographien, sie gefallen uns, während sie überhaupt keinen Erfolg in Japan haben. Warum mögen wir sie? Weil das nicht unsere Kultur ist, die da zu Kunst wird.
Sprechen wir jetzt über Ihren letzten Film, Anatomie de l’Enfer. Sind „die Frau“ und „der Mann“ als Universalfiguren zu verstehen?
Sicher sind sie Klischee, genauer gesagt, ist ihr Verhalten klischeehaft. Vergessen wir nicht, dass sie Fiktion sind: wir können uns also insgeheim in ihnen wiedererkennen. Eine Fiktion ist rohe Rührung, die jeder gestaltet, wie er wünscht.
Unter Ihren Projekten finden sich zwei neue Filme, von zwei französischen Romanciers – La fille aux yeux d’or (Honoré de Balzac) und Une vieille maîtresse (Barbey d’Aurevilly) inspiriert. Diese Werke sind nicht so unheimlich wie diejenigen, die Ihre vorhergehenden Filme inspiriert haben. Stehen Sie an einem Wendepunkt Ihres Lebens?
Anatomie de l’Enfer ist mein zehnter Film und – ich weiß nicht, ob es ein Zeichen ist oder nicht – es entspricht dem „X“ der römischen Ziffer. Ich finde diesen Film sehr durchgreifend, bei ihm bin ich bis zum Ende gegangen. Obwohl ich die Gewissheit habe, dass wir eigentlich immer denselben Film produzieren, sehe ich die nächsten vielleicht mit mehr Spiel, mehr Schauspielern. Und mehr Leidenschaft.
