„Die Schaubühne beweist, dass Theater was bewegt“
Mit Rene Reinhardt künstlerischem Leiter der Schaubühne Lindenfels, sprach Carmen Brückner über seinen Werdegang, seine Leidenschaft zu Film und Theater, sein Verhältnis zur Schaubühne und über seine zukünftigen Pläne.
Sie sind seit 1993 künstlerischer Leiter der Schaubühne Lindenfels. Wie sieht ihre Arbeit genau aus?
In erster Linie bin ich natürlich für das Programm, das Profil und das Image der Schaubühne verantwortlich. Außerdem übernehme ich die kulturpolitische Vertretung unseres Hauses nach außen und pflege Kontakte zu den Künstlern. Unser Angebot ist ziemlich breit gefächert. Wir bieten Theater Programmkino und Literaturveranstaltungen, sowie Konzerte an. Trotz der verschiedenen Bereiche soll ein Gesamtbild entstehen, eine Linie erkennbar werden.
Sie haben das Profil und das Image der Schaubühne angesprochen. Wie lautet denn das Credo ihres Hauses?
Wir wollen den Leuten professionelle Kunstproduktion präsentieren. Auch für das Neue, das Zeitgenössische und Experimentelle wollen wir ein breites Publikum gewinnen. Dafür gehen wir auch Umwege, verbinden das Neue, das Unbekannte mit Bekanntem und Traditionellem. Einem Stil oder einer bestimmten Ästhetik fühlen wir uns nicht verpflichtet. Es gibt jedoch ein paar ungeschriebene Regeln bei der Programmgestaltung, ein bestimmtes künstlerisches und politisches Niveau, das wir nicht unterschreiten. Der Film ”Der Untergang” beispielsweise würde bei uns nicht laufen. Es sei denn, wir würden ihn in einer unserer Sonderveranstaltungen genüßlich auseinandernehmen. Wir sind da ein bißchen pädagogisch veranlagt.
Wie sind Sie zu ihrem Beruf gekommen?
Vom Straßenbahnfahrer bis zum Astronauten wollte ich – wahrscheinlich wie jedes Kind – fast alles werden. Aber die Filme von Charlie Chaplin und seine Biographie haben mich sehr früh geprägt und wohl erheblich dazu beigetragen, dass ich Schauspieler geworden bin. Lange Zeit habe ich mir das aber nicht zugetraut. Erst relativ spät, mit 18 Jahren, habe ich den Mut gefasst, die Sache anzugehen und mich an der Berliner Schauspielschule zu bewerben. Das hat zum Glück geklappt. Nach dem Studium zog ich mit einer Gruppe von Absolventen aus, um gemeinsam das verwaiste Theaterhaus in Jena wiederzubeleben. Das war spannende Pionierarbeit, und schließlich wollte ich so etwas auch in einer größeren Stadt versuchen.
So sind Anka Baier und ich 1993 hier in Leipzig gelandet, in der Schaubühne, die sie als ihr Kino aus Kindertagen kannte. Anfangs wollten wir hier ein festes Ensemble aufbauen, eine große Vision schwebte uns vor, ein Theater neuen Typus’. Doch selbst für ein kleines Ensemble haben wir die notwendigen finanziellen Rahmenbedingungen nie schaffen können. Also mußten wir uns etwas neues einfallen lassen. Ich denke das ist gelungen. Doch ganz viele der Intentionen dieser ersten Phase sind in das heutige Konzept eingeflossen.
„Spannend zu sehen, wie die Menschen weiter gehen“
Die Schaubühne Lindenfels ist „ihr Kind“. Was bedeutet ihnen die Schaubühne?
Das ist sehr unterschiedlich. Mein Verhältnis zur Schaubühne ist tatsächlich ein bisschen wie das Verhältnis zu einem Kind. Zuneigung, Anziehung und Abstoßungsprozesse wechseln sich ab und irgendwann sollten Eltern und Kind auch mal verschiedene Wege gehen. Aber vor allem halte ich die Schaubühne für ein ganz wesentliches Projekt hier und jetzt. Es beweist, dass solche Orte eine Überlebenschance haben. Als wir uns damals, 1993, für den Stadtteil Plagwitz entschieden haben, hat man uns belächelt und für verrückt erklärt. Man sagte uns, höchstens in der Südvorstadt hätten wir mit so einer Sache eine Chance. Woanders wäre es sicher einfacher gewesen, aber der Reiz wäre auch kleiner.
Was ist für Sie das Besondere an Ihrem Job?
Momentan mache ich ausschließlich Management. Das Besondere an meiner Arbeit ist, dass ich spüre und erlebe, dass wir in diesem Stadtteil ganz viel bewegen können. Viele Leute aus der Theaterbranche höre ich immer wieder klagen, dass die gesellschaftliche Funktion des Theaters in unserer Zeit nicht mehr greifbar sei. Ich sehe das anders. Ich finde, dass unser Projekt, die Schaubühne, beweist, dass Theater als öffentlicher Raum, als Ideenmaschine etwas bewegt. Außerdem ist es spannend, zu sehen, wie sich Menschen, die sich bei uns einen Teil ihrer Erfahrung geholt haben, für die die Schaubühne also auch ein Ausbildungsort war, weiter gehen und woanders neue Projekte beginnen. Das alles macht Lust und Spaß.
Welche Pläne und Ziele haben Sie?
Für mich ist klar, dass ich irgendwann noch einmal etwas anderes machen möchte. Momentan mache ich ja wie gesagt mehr Management als Kunst. Ich möchte bald wieder mehr Kunst machen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Das nächste Jahr bleibe ich der Schaubühne aber noch erhalten. Dafür haben wir auch einfach zu viel angeschoben, als dass ich jetzt einfach gehen könnte, zum Beispiel unsere gemeinnützige Aktiengesellschaft.
