Die Welt – ein Kindergarten
Von Marie-Theres Sebald
Schön ist sie wirklich nicht, die Leipziger Konradstraße. Keine noblen Geschäfte, keine schönen Fassaden. Trist, grau und wenig einladend sieht auch die Hausnummer 21, ein alter Plattenbau aus den 60ern, aus. Besonders an einem wolkenverhangenen Dezembertag wie heute. Und doch: es lohnt sich, wie so oft, einen Blick hinter die Fassaden zu wagen. Dort hat sich die Welt versammelt – nahezu jedenfalls, denn fast jeder Kontinent ist vertreten, wenn in der städtischen Kinderetageseinrichtung Tag für Tag 200 Knirpse aus 20 verschiedenen Nationen zusammen spielen und lernen.
Nach Betreten das Gebäudes würde man auf den ersten Blick nicht vermuten, in einem Kindergarten zu sein. Vielmehr geht es sofort in einen kleinen Flur, der eher an ein Amt erinnert: Altmodische Bodenfliesen, weiß gestrichene Wände. Doch öffnet man die nächste Tür, fällt der Blick auf bunte Bilder und Basteleien, die den Treppenaufgang schmücken und es sind leise Kinderstimmen zu hören. Sie dringen aus der ersten Etage: Dort hängt an der Wand eine große Weltkarte, die über und über mit bunten Fähnchen gespickt ist. Sie kennzeichnen die vielen unterschiedlichen Herkunftsländer der Kinder. Am stärksten vertreten sind die Türkei und Vietnam, die GUS-Staaten und der Irak. Aber auch Italien, Polen, Rumänien, Algerien, Pakistan, Indien, Afghanistan und der Iran sind markiert, ebenso Nigeria, Peru und Somalia.
Offene Grenzen, neue Herausforderungen
Vor der Wende wurden nur vereinzelt Kinder mit ausländischen Eltern in der Kindertageseinrichtung betreut, doch mit dem Mauerfall hat sich die Situation rasch verändert, sagt Elke Franz, Leiterin der Kita. „Mit der Wende waren die Grenzen offen, die Bürger dieses Landes konnten in die Welt hinaus schwärmen und umgekehrt. Wir sind mit den neuen Herausforderungen gewachsen und waren und sind offen für alle Menschen, die in unser Land gekommen sind.“
Die Erzieherinnen Iris Wallwitz und Wenke Lange betreuen eine Gruppe von vierzehn Kindern, von denen neun ausländische Wurzeln haben: Kevins Vater stammt aus Peru stammt; Fatils Papa ist, ebenso wie die Eltern von Hava und Sena, türkischer Herkunft. Die Eltern der beiden Achmets in der Gruppe kommen aus dem Irak und Afonsinas Vater ist Italiener. Die Eltern von Frank kommen aus Vietnam und Pascals Vater ist Inder. Dementsprechend haben alle Kinder einen anderen sprachlichen Hintergrund. Im Kindergarten sprechen sie untereinander und mit den Erzieherinnen deutsch. Einige Kinder sprechen schon sehr gut deutsch, anderen hingegen ist die neue Sprache völlig fremd.
Fremde Kulturen schon im Kindesalter kennen lernen
Deshalb wird auf die Sprachförderung ein besonderes Augenmerk gelegt. „Wir arbeiten viel mit Gesten, die sprachlich begleitet werden. Wir machen beispielsweise die Geste ‘Haare kämmen’ und sprechen die Worte zugleich aus.“, erläutert Erzieherin Iris Wallwitz. Wenn sie aber mal gar nicht weiter wissen, kann es schon mal passieren, dass Eltern eine Vokabelliste schreiben. „Schlafen“, „essen“, „trinken“ und „Komm mal her“, stehen dann da in Lautschrift. So können sich die Erzieherinnen mit den Kindern verständigen, selbst wenn sie ein Wort mal falsch aussprechen. Untereinander haben die Kinder keine Kommunikationsprobleme, ihre Verständigung klappt buchstäblich spielend. Sie überbrücken behände sprachliche Barrieren und kommen ohnehin meist ohne viele Worte zurecht.
Neben der Sprachförderung spielt das Wissen über fremde Kulturen eine entscheidende Rolle. Neben Fortbildungskursen, in denen die Erzieherinnen ihren kulturellen Horizont erweitern, ist im täglichen multikulturellen Miteinander auch der Austausch mit den Eltern der Kinder hilfreich, betont Elke Franz. „Dadurch gewinnen wir einen Einblick in die Traditionen fremder Nationalitäten. Zum Beispiel in die Rolle von Mann und Frau, die Vorstellung von Kindererziehung, aber auch welche Musik gehört wird, welche Spiele gespielt werden oder welches Essen in der Familie üblich ist.“
Multi-Kulti? Für Kinder kein Problem
„Andere Länder, andere Sitten“ – soweit es geht, wird in der Multikulti-Kita Rücksicht darauf genommen. Das fängt beim Essen an. Neben sogenannter „Normalkost“ wird auch vegetarisches und moslemisches Essen ohne Schweinefleisch angeboten. Heute gibt es Nudeln mit Tomatensoße. Jedes Kind scheint die gleichen klebrigen Nudeln und die gleiche rote Soße auf dem Teller zu haben – doch in der einen Soße sind kleine Fleischstückchen, in der anderen nicht. Dass man den Unterschied zwischen „normaler“ und moslemischer Kost nicht merkt, ist gewollt. „Keines der Kinder soll sich ausgegrenzt fühlen, weil es etwas bestimmtes isst oder eben nicht isst“, sagt Elke Franz.
Der Alltag in der Multikulti-Kita ist eine tägliche Herausforderung, denn das heißt sprachliche Barrieren, kulturelle Unterschiede, verschiedene Religionen und Essgewohnheiten unter einen Hut bringen. Was Erwachsenen mitunter oft unmöglich erscheint, ist für Kinder kein Problem. Multikulti? Kinderleicht, versichert Elke Franz: „Die Kinder sind offen und unbeschwert. Ausgrenzungen und Hänseleien wegen unterschiedlicher Hautfarben oder Nationalitäten sind für sie kein Thema. Diese Chance müssen wir nutzen, um am Ende sagen zu können: Wir haben ein Stück dazu beigetragen, die nachfolgende Generation zu weltoffenen und toleranten Bürgern werden zu lassen.“
