„Ich hab’s mir cooler vorgestellt“
Mit Florian Treiß (23), Leipziger Austauschstudent in Stockholm, sprach Kay Heimann.
Wieviel Zeit verbringst du denn im Bett?
Im Schnitt 6 Stunden die Nacht. Ich bin kein Vielschläfer.
Und wie schneidet das schwedische Bett im Vergleich zur Leipziger Schlafcouch ab?
In der Horizontalen habe ich hier sehr viele – zu viele – Stahlfedern im Rücken. Aber mein WG-Zimmer hier war vormöbliert, ich konnte das Bett nicht selbst aussuchen wie in Leipzig. Aber für 2 bietet es Platz genug.
Wie sind die Schwedinnen denn eigentlich so?
Das Idealbild der Schwedin muss ich ins Reich der Legende verweisen. Also, die Schwedinnen sind gar nicht blond und blauäugig, sondern sehr viele sind brünett und haben braune Augen. Bestes Beispiel dafür sind meine beiden Mitbewohnerinnen Lina und Lisa.
In Leipzig hast du auch bereits mit zwei Mädels in einer WG gelebt. Was sind denn Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der schwedischen und der deutschen WG?
Die Putzordnung hat mich ja in Leipzig schon das ein oder andere Mal in die Bredouille gebracht. Aber hier herrscht ein regelrechter Putzzwang. Jeden Tag müssen Küche und Wohnzimmer gewischt oder wenigstens gesaugt werden. Das Badezimmer ist aber die Ausnahme, da wird nicht so regelmäßig sauber gemacht. Und das ist jetzt meine Aufgabe im WG-Dienst. Die Mentalitäten sind aber trotzdem anders: Meine Mitbewohnerinnen hier sitzen viel gesittet zu Hause, aber wenn sie die ,Sau rauslassen’, dann richtig. Dann endet die Nacht erst um 13 Uhr des nächsten Tages – mit einem Gute-Nacht-Snack von McDonalds.
Wie sah denn dein letzter exzessiver Abend in Stockholm aus?
Exzessiv waren meine Abende hier noch nie, denn es ist alles sehr teuer. Und seine Abende kann man locker vor einem Club in einer Schlange stehend verbringen und kommt trotz ewigen Wartens nicht mal rein. In Östermalm, der Trendgegend Stockholms, stand ich eine halbe Stunde direkt vor dem Türsteher und wurde nicht auserwählt und reingelassen. Ein anderer aus der fünften Reihe, der ,zehn!’ gerufen hat – er und seine neun Freunde wollten in den Club – wurden direkt durchgewunken.
Und was ist das Geheimnis um in einen angesagten Club zu kommen?
Entweder man kennt den Türsteher oder man trägt als Frau ein kurzes Kleid im tiefsten Winter.
Wie ist denn das Wetter ein paar Breitengrade nördlich von Leipzig?
Mitte November hat mich hier der Wintereinbruch erwischt: Innerhalb von drei Tagen ging’s von plus zehn Grad auf minus zehn Grad nachts runter. Das Problem war, dass ich noch keine Winterschuhe hatte und über Nacht 30 Zentimeter Schnee gefallen sind. Aber ich nehm’s mit Humor: bei den aktuellen minus fünf Grad am Tag komme ich noch mit T-Shirt oder Sweater und Jacke aus. Die anderen Schichten hebe ich mir für minus 20 Grad auf.
Du wohnst im Süden von Stockholm, im Vorort Huddinge. Ist es vergleichbar mit der Leipziger Südvorstadt?
Huddinge sicher nicht. Aber in Södermalm, der Südinsel von Stockholm, scheitert man vor den Clubs nicht an der Türpolitik. In den Kneipen ist das Bier auch noch recht günstig: 2,20 Euro für einen Drittel Liter Bier. Der Stockholmer Durchschnittspreis liegt sonst zwischen vier und fünf Euro. Und in Södermalm steigen auch trendige Events wie das Red-Bull-Seifenkistenrennen. Hat mich an das Seifenkistenrennen in der Südvorstadt erinnert – und das war in Leipzig besser.
Was vermisst du am meisten von Leipzig?
Das Partymachen fünfmal die Woche! Aus finanziellen Gründen kann ich das hier leider nicht. Und der Cospudener See fehlt. Hier hab’ ich noch keinen coolen See entdeckt und alles in Wassernähe ist in Stockholm Privatbesitz. Was mir auch fehlt: Der Weg von Zuhause zur Uni ist nicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu schaffen. Hier fahre ich Pendelzug – eine Viertelstunde bis in die Innenstadt und eine halbe bis zur Uni.
Und wie ist die Stockholmer Uni im Vergleich zur Leipziger?
Ganz anders. Hier belege ich vier Wochen lang ein Seminar, dass ich dann mit Klausur und Hausarbeit abschließe. ,Fulltime studies’ also. Das fördert auch nicht gerade die sozialen Kontakte, denn in der Uni bin ich nur etwa fünf Stunden die Woche. Den Rest der Zeit lese ich die circa 1000 Seiten Pflichtlektüre pro Seminar und schreibe Hausarbeiten. Zwei Sachen parallel laufen zu lassen funktioniert hier nicht: Also, in diesem Semester studiere ich nur Politik, im nächsten dann Journalistik.
Mit wem verbringst du die wenige Freizeit?
Die Leute hab’ ich vorher schon gekannt: zwei Mädels von der Leipziger Uni und mein schwedischer Sprach-Tandem-Partner Johan. Und mit meinem Kumpel Victor, den ich in einem meiner Politik-Seminare kennen gelernt habe. Er kommt ursprünglich aus Southside LA, studiert hier für ein Semester. Und dann bekomme ich natürlich auch jede Menge Besuch aus Deutschland.
Wie kommst du mit der Sprache klar?
Schwedisch habe ich ja schon vorher gesprochen, hatte auch schon einen Sprachkurs gemacht. Am Anfang haben die Leute hier an meinem Akzent erkannt, dass ich kein Schwede bin und auf Englisch geantwortet. Das hat sich aber gebessert, passiert jetzt nicht mehr so häufig. Einen Roman könnte ich zwar noch nicht schreiben, aber grob kann ich mich schon auf Schwedisch unterhalten und Zeitung lesen klappt auch. Obwohl der Anreiz nicht so riesig ist, schwedisch zu reden: die Seminare in der Uni sind in Englisch und jeder Schwede spricht auch englisch, dazu noch sehr gern.
Wie sieht deine Zwischenbilanz aus nach einem knappen Vierteljahr in Schweden?
Ich hab’s mir cooler vorgestellt. Stockholm ist zwar schön, aber nicht groß. Anders als zu Hause in Deutschland. Da hätte ich wohl auf einen anderen Kontinent gemusst. Die Schweden und die Deutschen sind sich sehr ähnlich; Stockholm ist eine normale Großstadt. Insgesamt hätte ich mir mehr Input, kulturell und mit anderen Menschen, versprochen.
