Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

„Viele Deutsche sind sehr direkt, das finde ich gut“

Sarah, du hast in den USA Deutsch und Musik studiert. Kannst du dich noch an deinen ersten deutschen Satz erinnern?
Ja, das war „bist du blau?“. Den Satz habe ich schon auf der High School von Alice, einer deutschen Austauschschülerin aus Bonn, gelernt. Wir waren auf einer Party und wollten von ihr wissen, was „Are you drunk?“ auf Deutsch heißt.

Wie ist bei dir der Wunsch entstanden, Deutsch zu studieren?
Das Land hat mich eigentlich schon immer interessiert – und da Alice die erste Deutsche war, zu der ich Kontakt hatte, habe ich gleich einen guten Eindruck gewonnen. Wir sind heute noch befreundet. Der andere Grund war die Musik. Die deutsche und auch die österreichische Kultur sind für die klassische Musik sehr wichtig.

Nach deinem Studium wolltest du Opernsängerin werden. Wie ist dieser Wunsch entstanden?
Zu der Zeit habe ich zwei Jahre lang in New York City gelebt. Begonnen habe ich nach meinem Studium mit Querflötenunterricht. Mein Lehrer war Robert Langevin, der in Deutschland studiert hat und im New York Symphony Orchestra die erste Flöte spielt. Außerdem war ich im Young New Yorker’s Chorus. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich beschlossen habe, den Querflötenunterricht aufzugeben und stattdessen Gesangsunterricht zu nehmen.

„Nicht zu groß und überwältigend“

Und dann hast du beschlossen, nach Deutschland zu gehen…
Irgendwann dachte ich: „Ich liebe New York, aber Deutschland ruft!“ Es gibt viele Gründe, warum ich hierher kommen wollte. Mich interessieren natürlich besonders die deutschen Komponisten. Außerdem finde ich es wunderbar, dass es hier Kultureinrichtungen wie zum Beispiel Opern und Theater auch in kleineren Städten gibt und dass sie staatlich unterstützt werden, das ist in den USA nicht so.

Jetzt bist du schon seit September 2003 hier. Warum hast du dich für Leipzig entschieden?
Ich habe im Rahmen des Fulbright-Programms ein Stipendium bekommen. Das Programm existiert seit über 50 Jahren und soll den deutsch-amerikanischen Austausch fördern. Man konnte drei Bundesländer als Wunsch angeben, ich habe mich für Berlin, Sachsen und Thüringen entschieden. Dann bin ich als Assistentin für englische Sprache nach Leipzig gekommen. Das erste Jahr war ich als Englischlehrerin am Humboldt-Gymnasium, jetzt unterrichte ich an der Thomasschule.

Wolltest du bewusst in die neuen Bundesländer?
In den USA weiß man nicht viel über Ostdeutschland, deshalb wollte ich es kennen lernen. Berlin ist eine unglaublich tolle Stadt, in Thüringen gefällt mir die Landschaft. Sachsen ist nicht weit von Tschechien entfernt, und es gibt mit Leipzig und Dresden zwei Städte, die kulturell sehr wichtig sind.

„Zu viel Hundescheiße“

Was gefällt dir an Leipzig?
Mir gefällt, dass Leipzig nicht zu groß und zu überwältigend ist. Hier gibt es viel Kultur und ein gutes Studentenleben. Ich mag die schönen Gebäude und die Freundlichkeit der Menschen. Leipzig hat ein Flair, das viele andere europäische Städte nicht haben. Der Style ist anders, mehr „down to earth“, aber immer noch sehr hip. Leider sieht man auch oft Buffalo-Schuhe – die finde ich nicht so hip.

Hast du einen Lieblingsort in der Stadt?
Bevor da gebaut wurde, war der Marktplatz für mich der schönste Ort. Ausserdem finde ich allgemein die grüne Umgebung mit den vielen Parks toll.

Was magst du an Leipzig nicht?
Es gibt zu viel Hundescheiße! Außerdem sind die Deutsche Bahn-Angestellten im Bahnhof sehr unfreundlich. Und es ist schade, dass so viele schöne Häuser leer stehen. Aber insgesamt bin ich hier sehr glücklich.

Trotzdem gibt es sicher etwas, das du vermisst.
Ich vermisse die New Yorker Pizza und einen Winter mit viel Schnee. Und ein Gesetz, das das Rauchen in Restaurants und Clubs verbietet. New York ist eine Nichtraucherstadt, das ist wunderbar.

Ganz andere Mentalität

Was ist in Deutschland anders als in den USA?
Zuerst einmal die Mentalität der Leute. Die Amerikaner sind wirklich freundlich und offen, aber auch laut. In Deutschland sind die Leute eher ernst, aber natürlich nicht alle. Viele Deutsche sind sehr direkt, das finde ich besser als die Oberflächlichkeit mancher Amerikaner. Sehr irritierend ist, dass die Leute hier versuchen, sich beim Schlangestehen vorzudrängeln. Das gibt es in Amerika nicht.

Welchen Vorurteilen über Amerikaner bist du in Deutschland begegnet?
Viele Deutsche halten uns für zu laut, zu dick und denken, dass wir zu viele Autos haben – kurz gesagt: zu viel von allem. Ein Vorurteil ist, dass alle Amerikaner eine Waffe haben. Die Leute haben den Film „Bowling for Columbine“ gesehen und jetzt glauben sie alles, was Michael Moore sagt.

Stichwort Michael Moore: Wie hast du den amerikanischen Wahlkampf hier erlebt?
Vielleicht war es für mich einfacher, hier zu sein und nicht in den USA, weil hier nicht ganz so viel über das Ergebnis gesprochen wurde. New York ist sehr liberal, dort wurde das Ergebnis sicher noch viel länger diskutiert. In Amerika wird auch im Freundeskreis sehr viel über Politik gesprochen, das Thema ist allgegenwärtig.

Dein Stipendium läuft im September 2005 ab. Was sind deine Pläne für die Zeit danach?
Ich habe mich für ein weiteres Fulbright-Programm in Wien beworben. Ich habe schon während meines Studiums ein Austauschsemester in Wien verbracht, und es hat mir dort sehr gut gefallen. Wenn ich das Stipendium bekomme, hoffe ich, dass mein Freund Frank, der zur Zeit in Wien arbeitet, auch dort bleibt.

„Bereit sein, auch Fehler zu machen“

Wo siehst du dich in fünf Jahren?
Es war eine Überraschung für mich, dass es so befriedigend ist und so viel Spaß macht, Lehrerin zu sein. Um in dem Beruf weiterhin arbeiten zu können, muss ich in den USA meinen Master machen. In fünf Jahren werde ich wahrscheinlich als Musiklehrerin arbeiten, vielleicht an der amerikanischen Ostküste oder in Europa an einer Internationalen Schule.

Was ist das Wichtigste, das du hier gelernt hast?
Vor allem die Sprache. Auch wenn es manchmal peinlich ist: Man darf nicht zu stolz sein und muss bereit sein, Fehler zu machen.

Welche Dinge würdest du von Deutschland nach Amerika mitnehmen?
Leipzig ist eine Weihnachts-Hauptstadt! Ich würde gern die Weihnachtsmärkte mitnehmen. Mein Bruder, der ein Jahr in Kiel war, würde die Döner-Imbisse mitnehmen – die gibt es in Amerika fast nirgendwo. Sonst fällt mir nichts ein. Ich habe alles in meinem Kopf, das reicht!

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