„Eine liebenswert chaotische Stadt“
Seit gut 10 Monaten hat die Leipziger Volkszeitung einen neuen Chefredakteur. Mit ihm kamen auch zwei Stellvertreter. Einer davon ist André Böhmer, seit 1995 bei der LVZ und nach einem Studium der Kulturwissenschaften als Quereinsteiger zum Journalismus gekommen. Mit ihm sprach Hubertus Müller.
Herr Böhmer, was sind eigentlich die Aufgaben eines stellvertretenden Chefredakteurs bei der LVZ?
Ich bin verantwortlich für die Titelseite, die Politik-Seite, die Sachsen-Seite, die Hintergrund-Seite und die „Aus aller Welt“-Seite. Außerdem bin ich im Wechsel mit dem Chefredakteur und dem zweiten Stellvertreter jeweils für eine Ausgabe der „Blattmacher“. Der Blattmacher koordiniert und leitet die gesamte Erstellung einer Tagesausgabe. In dieser Funktion bespreche ich mit dem Nachrichtenchef und den Kollegen von den Ressorts Lokales, Sport, Kultur, Wirtschaft und so weiter. die nächste Ausgabe. Das heißt wir sprechen über die Themen, welche wir auf die Titelseite bringen, was wir als Aufmacher nehmen, was das Seitenfoto wird, zu welchem Thema wir den Leitartikel bringen und so weiter. Der Blattmacher ist somit eine Art Chef vom Dienst. Wenn der Chefredakteur noch was sieht, was ins Blatt müsste, dann hat er natürlich das letzte Wort, das ist klar.
Der Axel Springer Verlag ist mit 50 Prozent an der LVZ beteiligt. Wie groß ist der Einfluss von Springer auf die Berichterstattung?
Über die tägliche Berichterstattung wird hier vor Ort entschieden. Weder von Springer noch Madsack gibt es Anweisungen. Sowohl Madsack als auch Springer sind in einem Beirat vertreten, der in letzter Konsequenz verlagspolitische und strategische Entscheidungen trifft.
Muss eine gute Lokalzeitung versuchen, die Entwicklung der Region zu fördern?
Das ist eine Gratwanderung. Natürlich müssen wir die Region auch positiv begleiten, das heißt positiv, aber kritisch berichten, also nicht in Lobhudelei ausbrechen. Stichwort Bildermuseum, große Sache für Leipzig mit überregionaler Ausstrahlung, aber wir fragen da auch kritisch nach wie das mit der Finanzierung genau ablief – es war ja wesentlich billiger geplant. Aber grundsätzlich kann man sich bei für Leipzig positiven Nachrichten natürlich mitfreuen, wie etwa bei der DHL-Ansiedlung. Allerdings ohne die Distanz aus den Augen zu verlieren. Wichtig bleibt die objektive Berichterstattung.
Die LVZ gehört zu den am meisten zitierten Regionalzeitungen Deutschlands…
Das liegt vor allem an unserem Berliner Kollegen, der ein Näschen für bundespolitische Themen hat und der immer gute Interviewpartner findet. Neulich hat er zum Beispiel recherchiert, dass an vier weiteren Bundeswehr-Standorten Misshandlungen stattfinden.
Chefredakteur Bernd Hilder kommt vom Göttinger Tageblatt, also aus dem Westen, auch viele Redakteure kommen aus dem Westen. Gibt’s da eigentlich mal Konflikte zwischen Wessis und Ossis?
Nein, Konflikte gibt’s da keine, das ist lange ausgestanden. Vielleicht gab es welche vor meiner Zeit hier. Wir haben zum Beispiel in den 90ern viele Volontäre aus dem Westen übernommen und die haben sich hier schnell wohlgefühlt. Auf den Presseterminen lernt man ja schnell viele Leute kennen. Und ich sehe ja, wenn Praktikanten oder Volontäre zum Beispiel aus Bayern oder Baden-Württemberg mal so im Nachtleben auf der Gottschedstraße oder der Karl-Liebknecht-Straße unterwegs sind, sind sie danach begeistert, das kennen die von zu Hause oft gar nicht. Und das wirkt sich auch auf die Arbeit aus, da sind sie genauso begeistert dabei. In der täglichen Praxis spielt es keine Rolle, woher einer kommt, es zählt nur, ob er ein guter Journalist ist.
Die Medienkrise mit sinkenden Anzeigenerlösen ist allgegenwärtig, wie behauptet sich die LVZ darin?
Wir kämpfen wie alle Medien dagegen und können auch einige Erfolge vorweisen. Im Moment ist der Markt wieder leicht im Kommen, das spüren wir. Bei der Auflage sind wir von allen ostdeutschen Zeitungen diejenige, die am wenigsten verliert, in unserer City-Ausgabe konnten wir in den letzten Monaten sogar zulegen. Aktuell liegt die Auflage bei rund 280 000.
Überall in Leipzig wird gebaut, die Olympia-Baumaßnahmen werden neuerdings WM-Baumaßnahmen genannt. Wenn alles mal fertig ist und die WM vorüber ist, wird Leipzig dann eine andere Stadt sein?
Leipzig wird weiterhin eine liebenswert chaotische Stadt bleiben, eine Stadt die 500 000 Einwohner auf einem engen Raum zusammenfasst. Schließlich hat zum Beispiel Dresden etwa die gleiche Einwohnerzahl, aber die doppelte Fläche. Die Stadt wird aber weiter gewinnen durch die Infrastrukturmaßnahmen. Sie wird vor allem kulturell noch mehr im Mittelpunkt stehen, etwa mit dem neu eröffneten Bilder-Museum. Durch die WM wird Leipzig noch bekannter, wovon die kulturellen Angebote weiter profitieren werden.
Als Kulturstadt werden wir definitiv in der ersten Liga mitspielen, auch durch den neuen Gewandhaus-Chef, den wir ab nächstem Sommer bekommen. Als Sportstadt können wir nur hoffen, dass wir endlich mal einen professionellen Fußballverein bekommen. Da bin ich allerdings eher skeptisch, was aber nur meine ganz persönliche Einschätzung ist. Das ist eine ganz verfahrene Situation: Ein Verein ist in der elften Liga, einer in der vierten, aber der ist mittlerweile auch wieder verschuldet und die Insolvenz droht.
Was macht Ihnen an ihrem Job am meisten Spaß?
Am meisten Spaß macht mir eigentlich, dass man jeden Tag eine neue Ausgabe machen kann, jeden Tag Neuigkeiten bringen kann und damit eine große Zahl von Menschen erreicht.
Und was macht Ihnen am wenigsten Spaß?
Es bleibt manchmal im Tagesgeschäft ein bisschen wenig Zeit, Themen konsequent über längere Zeit zu verfolgen, weil dann schon wieder was Neues ansteht.
Wie lange arbeiten Sie eigentlich so am Tag?
Meistens so von 9 bis 20 Uhr, also etwa elf Stunden. Dazu gehört auch das Zeitungsstudium am Morgen und am Abend schaue ich natürlich noch Tagesthemen, heute journal und weitere Politmagazine, was ja im Prinzip auch zur Arbeit gehört.
Damit erübrigt sich dann fast die nächste Frage, nämlich was Sie in der Freizeit machen, wenn Sie fast keine haben…
Wenn ich Zeit habe, gehe ich joggen und im Winter fahre ich Ski. Aber zuerst gehört meine knappe Freizeit natürlich meiner Frau und meinen zwei Söhnen.
Was gefällt Ihnen an Leipzig am meisten?
Dass alles so schön kompakt beieinander ist. Man ist schnell in der Innenstadt, man ist aber auch schnell im Grünen. Ich wohne in Gohlis, von da ist es zehn Minuten zur Innenstadt und fünf Minuten zum Rosenthal, also ins Grüne. Außerdem schätze ich sehr das kulturelle Angebot, von Klassik-Angeboten wie im Gewandhaus bis hin zu Rockkonzerten.
Und was gefällt Ihnen an Leipzig am wenigsten?
Die ganzen Verkehrsgeschichten mit den Baustellen nerven natürlich schon, auch wenn ich mich mittlerweile schon fast daran gewöhnt habe. Es bringt ja schließlich viel für Leipzig. Wenn man es eilig hat und wieder irgendwo im Stau steht, nervt es aber. Das macht es allerdings auch spannend, das ist eben eine quirlige Stadt, da ist Leben drin, hier entsteht noch was. Was mich ansonsten noch stört, ist, dass die Flugverbindungen hier zu übersichtlich sind. Ich hatte zum Beispiel in diesen Tagen eine Einladung zur deutsch-polnischen Chefredakteurskonferenz in Warschau. Weil es von Leipzig überhaupt keinen Flug gibt, musste ich in aller Herrgotts Frühe nach Berlin fahren und von Tegel fliegen. Das sind aber wirklich nichtrepräsentative Luxusprobleme, das bitte ich auch so zu schreiben. Eigentlich ist es eine Marginalie, verglichen mit der Leipziger Lebensqualität insgesamt.
