EinKaufGedanke(n)
Von Johannes Künzel
Bauern müssen nicht einkaufen gehen. Mutter Natur versorgt sie mit allem, was das Leben schöner macht. Kühe geben Milch, Hühner legen Eier, aus dem Boden wachsen Kartoffeln, und das Bier kommt auch von irgendwo. Die armen Menschen in der Stadt dürfen sich leider keine Kühe und Hühner halten, manche verfügen nicht einmal über einen eigenen Boden. Sofern sie das Verhungern nicht vorziehen, müssen sie ihre alles, was sie des Abends genüsslich verzehren mögen, vorher einkaufen.
Auch ich lebe in einer Stadt. In Leipzig. Meine Einkäufe tätige ich jeden Tag aufs neue, denn mein Gedächtnis hat mehr Löcher als ein Sieb. Niemals werde ich mich schon montags für eine ganze Woche bevorraten können. Zu meinem großen Glück bewohne ich eine Nachbarschaft mit drei verschieden Supermärkten, zwei Tabakläden und einem Getränkefachgeschäft. Zu darben brauche ich nicht. Darben und weinen müssen dagegen die Besitzer von zwei Supermarktketten, sie heißen, glaube ich: Aldi-Brüder und Konsum-Schwestern. Deren Filialen besuche ich nie. Sobald ich Hunger verspüre, reagiere ich wie ein Hund auf den Geruch von Hundeschokolade – getrieben von Instinkt gehe ich dorthin, wo man mir freudestrahlend dass menschliche Äquivalent zu Hundeschokolade überreicht.
Man kann es leicht erraten: Die Besitzer der dritten Supermarktkette sind mit mir äußerst zufrieden, ich erwarte beinahe täglich einen goldenen Orden am Band für meine Treue. Es ist immer ein bisschen schmuddelig dort, und die Produkte werden nicht ordentlich aus den Kisten, in denen sie geliefert werden, in die Regale geräumt, sondern gleich darin präsentiert. Wie viele Arbeitsplätze das zerstört! Aus dem durcheinander Gewirbelten greife ich mir also Tag für Tag, wonach mir der Sinn steht. Und in Umkehrung aller „Geiz ist geil“-Philosophie nehme ich gerne viel und lade meinen Einkaufswagen so voll, wie ich einige Stunden später zu sein pflege: Nicht bis oben hin, und auch so, dass der Weg nach Hause noch ohne Schmerzen zu bewältigen ist.
Mit Vorliebe schichte ich nun meine Einkäufe auf das Laufband der linken Kasse. Dort thront auf einem Drehstuhl der freundlichste Mensch der Welt. Er ist ungefähr vierzig oder fünfzig Jahre alt, sehr groß und hat graue Haare. Zwar enthält er mir meinen Orden bisher vor, doch ich strotze vor Zuversicht. Er weiß genau, wie oft ich seinen Laden betrete, denn er bemerkt alles und jeden. Mich begrüßt er seit einiger Zeit euphorisch, so dass ich mich ein wenig um ihn sorge. Nimmt er Drogen oder verkauft er unter der Hand Drogen? Vielleicht erklärt sich die Begeisterung des weltbesten Verkäufers auch durch seine Vergangenheit. Unter Umständen diente er in der Fremdenlegion und machte sich dabei mit jedem Sandkorn der Sahara bekannt. Zudem lernte er Wasser zu speichern wie ein Kamel. Hätte ich diese Fron verrichten müssen, ich wäre ebenfalls dankbar, Waren an den Mann bringen zu dürfen. Natürlich auch an die Frau.
Am besten gefällt mir jedoch am Einkauf, wie sich dieser Held des Alltags des Freitags von seinen Stammkunden verabschiedet. Es ist ein einstudiertes Ritual: Kunde (legt zehn Flaschen tschechisches Bier und einen Flachmann aufs Laufband): „Schönen Freitag noch und schönes Wochenende!“ Freundlichster Mensch der Welt: „Nur zehn Bier? Da sehen wir uns doch morgen wieder.“ Kunde: „Also bis morgen!“
