Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

„Das ist diese Geselligkeit“

Mit Kerstin Petermann, Austauschstudentin in Leeds und Madrid, sprach Martin Frömmert.

Ein Semester in Madrid in Spanien, ein Semester in Leeds in England: Hat dir ein Land oder eine Stadt besonders imponiert?
Madrid ist eine wunderschöne, ganz tolle Stadt, wahrscheinlich eine der schönsten Hauptstädte, die ich bis jetzt gesehen habe. Es ist unglaublich lebendig, man kann sehr viel unternehmen. Es ist die Stadt mit dem größeren Charme. Aber die bessere Zeit habe ich trotzdem in Leeds verbracht.

Und worin liegt der Charme von Leeds?
Leeds ist ein schöne Studentenstadt, nicht so wahnsinnig groß – etwa wie Leipzig. Es gibt auch viele Bars, in denen sich die Studenten treffen und es finden einige Konzerte statt. Die Uni befindet sich mitten in der Stadt, dort hat man die Austauschstudenten ganz schnell getroffen und kennen gelernt. Das war, wie man es sich bei Erasmus vorstellt: eine kleine Gemeinde. Wir haben schon ziemlich aufeinander gehockt.

Aber du standest schon in ständigem Kontakt mit der „Heimat“?
Ja, natürlich. Aber man hat in dieser Zeit völlig verschiedene Lebenshorizonte. Die Leute in Deutschland erleben, was sie schon immer kennen und du erlebst in dem Land immer irgendetwas Neues. Du kannst es zwar erzählen, aber wer es selber noch nicht mitgemacht hat, für den ist es schwer, es wirklich nachzuvollziehen.

Wie waren die Studienbedingungen an den Unis?
In Madrid war ich an einer Privat-Uni. Das ganze Gelände ist neu und modern, sehr gut eingerichtet. Allerdings auch weit außerhalb von Madrid. Ich bin jedes Mal eine Dreiviertelstunde mit dem Bus zur Uni gefahren und war dann den ganzen Tag am Campus. Aber es hat sich gelohnt, die Kurse waren sehr gut, und ich hatte das Gefühl, dass sie etwas gebracht haben. In England war es ähnlich. Das Computerkabinett hat mich besonders begeistert. Ich kenne es ja in Leipzig – da war ein himmelweiter Unterschied. Es gab mehrere Bibliotheken, verteilt über den Campus. Ich fand, dass sie sehr gut ausgestattet waren. Du hattest jederzeit die Möglichkeit, im Internet zu recherchieren. 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche.

Gab es im Hörsaal ähnliche Platzprobleme wie an der Uni Leipzig?
Für mich war es kein Problem einen Platz zu bekommen. Aber ich weiß, dass ich nur den Platz bekommen habe, weil ich mich vorher über Erasmus dafür angemeldet hatte. In England, ähnlich in Spanien, hast du schon zu kämpfen, dass du deine Seminare bekommst. Aber es war nicht überfüllt. Es ist ja in Leipzig ähnlich, dass eher die Vorlesungen voll sind, weniger die Seminare.

Angesichts der aktuellen Debatte: Gibt es in Spanien oder England Studiengebühren?
In Spanien gibt es für die öffentlichen Unis keine Studiengebühren. An meiner Privat-Uni gab es Gebühren, allerdings weiß ich gar nicht, wie hoch die waren. In England waren die Studiengebühren in dem Rahmen, wie man sie jetzt bei uns diskutiert, umgerechnet etwa 500, 600, auch bis zu 1500 Euro. Da ist es wie in den USA: die Eltern legen für ihre Kinder Konten an, um die spätere Ausbildung zu sichern. Das wird alles sehr viel langfristiger angegangen und ist deswegen auch möglich.

Hast du viel Zeit mit Spaniern und Engländern verbracht?
In Spanien habe ich mehr Zeit mit den Spaniern verbracht, als in England mit den Engländern. Ich habe in Madrid mit Spaniern in einer WG zusammengewohnt und hatte da eher weniger Kontakt zu Erasmus-Studenten. Ich war effektiv nur zwei Monate an der Uni, da ich nach England musste, wo das Semester schon begann. In England habe ich dann mit Austauschstudenten zusammengewohnt und viel Zeit verbracht. Witzigerweise waren auch Spanier dabei.

Unternimmt man außerhalb des Studiums spezielle Dinge… Stierkampf in Spanien etwa?
Ich bin absoluter Gegner von Stierkampf. Ich habe die Stierkampf-Arena von Madrid von außen gesehen, reingehen wollte ich nicht.

Wie denken die Spanier darüber?
Für sie ist das ein ganz großes Ding. Es hat wirklich etwas mit Tradition zu tun. Die Toreros sind Helden. Aber es gibt unter den Jüngeren einige, die dagegen sind, auch aus Tierschutzgründen. Was da passiert, ist ziemlich brutal.

Wie hast du sonst deine Zeit verbracht?
Ich habe versucht, so viel wie möglich zu reisen. In Spanien bekam ich aber auch viel Besuch, und war selbst bei Freunden, die gerade in Spanien waren. Mit denen habe ich mir Madrid und andere Regionen angeschaut. Aber wir sind nicht ganz so viel gereist, wie ich mir erhofft hatte. Sonst macht man das, was man auch hier macht: Man geht ins Kino, geht abends weg und versucht da natürlich auch die kulturellen Unterschiede festzustellen.

Es wird viel von europäischer Einigung und der einen europäischen Kultur gesprochen. Hast du denn kulturelle Unterschiede feststellen können?
Doch, schon. In Spanien wegzugehen, heißt: nicht vor 22 Uhr. Man geht meist erst noch etwas essen. Man setzt sich in eine Bar und jeder nimmt sich etwas von der Bestellung. In England gibt es die typischen Pubs. Da trinkt man einfach nur. Dort stehen auch überall Fernseher und es wird wirklich viel Fußball gesehen. Um 24 Uhr ist Sperrstunde, deshalb gehdie Abende auch früher los.

Was bedeutet “Sperrstunde“ in England?
Man wird 23 Uhr aufgefordert, das Glas auszutrinken und 24 Uhr wird das Pub geschlossen. In Spanien geht man nicht vor 2 Uhr in die Disko. Das ist bei uns oder in England nicht ganz so. Aber man merkt schon, dass sich alles ein wenig vermischt. Es gibt in Deutschland viele Pubs, die denen in England ziemlich ähnlich sind. Ich glaube, dass auch einige Gewohnheiten übernommen werden, zum Beispiel die kleinen Häppchen am Abend, bei denen jeder sich etwas nimmt.

Hast du weiter gefasste kulturelle Unterschiede festgestellt, unterschiedliche Lebenseinstellungen etwa?
In Spanien wird zum Beispiel nicht so viel Wert auf die Wohnung gelegt wie bei uns. Bei uns ist die Wohnung ein Ort, an dem man sich zurückzieht, den man sich nett einrichtet. Für Spanier ist die Wohnung ein Ort, an dem man mal isst oder schläft. Die Bar entspricht eher dem Wohnzimmer. Das ist diese Geselligkeit. Das Leben spielt sich eher auf der Straße ab. In England legt man sehr viel Wert auf Höflichkeit, wie es dem Klischee entspricht. Wenn man sich in den großen Städten in Spanien anstößt, stört sich niemand daran. In England wird sich für alles sofort entschuldigt. Manche empfinden das als oberflächlich. Ich habe das sehr genossen, weil es eine sehr angenehme Art ist, miteinander umzugehen.

Im März 2004 kam es zu den Anschlägen in Madrid. Warst du noch in der Stadt?
Nein, da war ich in England. Aber dort hatte ich ja spanische Mitbewohner, zwei kamen aus Madrid. Sie waren sehr aufgeregt und schockiert. Sie haben viel telefoniert, Zeitungen gelesen, im Internet nachgesehen, Radio gehört, um alles mitzubekommen. Das ist auch ganz klar. Ich war schon betroffen, weil ich diesen Bahnhof kannte und oft dort gewesen bin. Man hat dadurch auch eine ganz andere Beziehung dazu, als wenn man von einer Bombe irgendwo in der Welt hört. Wenn jemand dort Freunde und Verwandte hat, ist das wirklich ganz schrecklich. Vor allen Dingen ist Spanien ein Land, das Terroranschläge schon kennt.

… vom ETA-Terror…
Spanien weiß, was es bedeutet, wenn eine Bombe hochgeht. Man hat dort wirklich einfach Angst davor. Es hat sich herausgestellt, dass niemand in den Familien meiner Mitbewohner verletzt war. Aber man beschäftigt sich damit natürlich noch darüber hinaus.

Noch einmal zurück zu deinem Studium: Wie war die finanzielle Seite zu bewältigen?
Es war nicht ganz billig, besonders in Madrid als Hauptstadt. Da hab ich mindestens doppelt so viel Miete gezahlt wie in Leipzig. Man bekommt Geld über Erasmus, aber die Miete kann man so nicht bezahlen. Man sollte schon etwas gespart haben. Die Lebenshaltungskosten sind höher. Da sind die Flüge und man möchte ja auch herumreisen. In England wollte ich eigentlich jobben. Aber dort wurde mein Reisepass nicht als Identifikationsdokument anerkannt. Somit konnte ich kein Konto eröffnen.

Wenn du zurückblickst, was hat dir der Auslandsaufenthalt gebracht?
Die Erfahrung, von der ich gesprochen habe: einmal wirklich auf sich alleine gestellt zu sein, von Familie und Freunde eine ganz Weile getrennt zu sein, ganz viele neue Eindrücke auf sich einstürmen zu lassen, natürlich auch ein anderes Land, eine andere Kultur kennen zu lernen. Erst danach, denke ich, kommt die Erfahrung mit der Sprache. Aber ich muss sagen, ich habe die Zeit sehr, sehr genossen.

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