Der Leipziger

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„Die Selbstachtung bewegt sich auf den Nullpunkt zu“

Mit Christoph Köst, Leiter des Obdachlosen-Treffs „Leipziger Oase“, sprach Hubertus Müller.

Herr Köst, wie sind Obdachlose in Leipzig obdachlos geworden?
Christoph Köst: Also die Geschichten, die von den Obdachlosen bei uns erzählt werden, lauten meistens so ähnlich: Am Beginn steht oft die Arbeitslosigkeit. Der Arbeitslose sitzt zu Hause rum und es fällt ihm die Decke auf den Kopf. Dazu kommt ein angeschlagenes Selbstvertrauen, er ist nicht mehr der Ernährer der Familie und verliert Autorität. Die Tochter oder der Sohn sagen vielleicht: „Du hast mir gar nichts zu sagen.“ Das was das Leben ausmacht, ist weg. Das alles geht wiederum der Ehefrau auf die Nerven, was die Beziehung belastet. Also fängt der Mann zu trinken an, die Frau reagiert mit Scheidung. Es folgt die Einsamkeit, er schart deswegen andere trinkende Freunde um sich. Die sind oft laut, der Vermieter beschwert sich. Dann kann schon der Rausschmiss erfolgen. Oder die Trinksucht geht so ins Geld, dass es nicht mehr für die Miete reicht.

Wie sieht eine Obdachlosenkarriere bei Frauen aus?
Hier steht meist eine nicht bewältigte Trennung am Anfang. Da sie oft in finanzieller Abhängigkeit vom Partner standen, landen sie bei einem Rauswurf auf der Straße. Nach unserer Wahrnehmung haben Frauen auch öfter als Männer Drogenprobleme, vor allem jenseits der 30. Das alles mündet wiederum in einen Missbrauch durch Männer, denn um ein Dach über dem Kopf zu haben, und um ihre Drogensucht zu finanzieren, prostituieren sich viele Frauen.

Was sind noch Gründe für Obdachlosigkeit?
Viele haben eine tief sitzende Angst vor Behörden. Oft verstehen sie die Amtssprache auch gar nicht und wissen nicht, wie sie Anträge stellen sollen. Als studierter Mensch ist das kein Problem, aber einfache Leute können das nicht immer. Wenn dann noch andere Faktoren hinzu kommen, etwa Alkoholabhängigkeit, kommen einige mit Behörden wie dem Sozialamt überhaupt nicht mehr zurecht.

Unvermögen im Umgang mit Behörden ist also ein Risikofaktor für Obdachlosigkeit?
Das ist sicherlich ein Risikofaktor für Obdachlosigkeit, wenn die entsprechenden Sozialhilfeanträge, etwa auf Wohngeld, nicht gestellt werden können. Manche machen auch ihre Post nicht mehr auf, weil sie Angst davor haben, was das Amt ihnen schreiben könnte. Ein Arbeitsloser kommt also zum Beispiel irgendwann abends zu seiner Ein-Raum-Wohnung, die ihm nach der Scheidung noch geblieben ist, und stellt fest, dass die Schließzylinder ausgetauscht worden sind. An seine Sachen kommt er auch nicht mehr ran, die sind bei der Räumung natürlich irgendwohin gebracht worden, aber wohin? Das stand in der nicht geöffneten Post. Auf einen Schlag hat er nichts mehr, steht auf der Straße.

Keine freiwilligen Obdachlosen

Aber verhalten sich die Sozialämter gegenüber Bedürftigen überhaupt immer korrekt?
Sachbearbeiter ignorieren leider oft die Verpflichtung zur Beratung, die ihnen das Sozialgesetzbuch auferlegt. Man wird als Bittsteller behandelt und über zustehende Ansprüche nicht aufgeklärt. Von menschenwürdiger Behandlung ist manchmal nicht zu sprechen.

Die Bevölkerung ist laut Umfragen der Meinung, dass Obdachlosigkeit meistens selbst verschuldet sei und „Penner“ freiwillig auf der Straße leben würden, weil es ihr Lebensstil sei. Was sagen Sie dazu?

Von Schuld zu sprechen, ist in diesem Zusammenhang ganz falsch. Meistens ist Obdachlosigkeit durch Arbeitslosigkeit verursacht, die in 99 Prozent der Fälle nicht selbst verschuldet ist. Und freiwillige Obdachlosigkeit unter Leipziger Wohnungslosen ist mir nicht begegnet. Wer nachts auf der Parkbank schläft, macht das normalerweise nicht aus freien Stücken. Ich kenne nur einen einzigen Leipziger, der mit dem Zelt durch die Republik gezogen ist, von Stadt zu Stadt. Allerdings geben viele nicht zu, dass sie gezwungenermaßen auf der Straße leben. Das würde ihnen ja den letzten Rest Selbstachtung nehmen, wenn sie sich das eingestehen würden.

Wieso schlafen viele draußen, obwohl es Obdachlosenheime gibt?
Weil sie nicht mit fünf Leuten, von denen vielleicht der eine oder andere noch stinkt, auf einem Zimmer schlafen wollen. Oder weil einem dort die letzten Habseligkeiten geklaut werden können. Und eine Nacht im Heim kostet zwei Euro. Außerdem muss man dort ein Attest vom Arzt beibringen, dass man keine ansteckenden Krankheiten wie etwa Typhus hat. Manche haben aber Angst zum Arzt zu gehen, weil sie gar nicht wissen wollen, was sie alles haben. Außerdem werden dann wieder zehn Euro Praxisgebühr fällig. Trotzdem ist es natürlich richtig, dass die Heime Atteste verlangen.

Selbstachtung geht gegen null

Müssten die Heime menschenwürdiger gestaltet sein, so dass zum Beispiel nicht wildfremde Leute in einem Zimmer schlafen müssen?
Wenn es bessere Heime gäbe, würde der Pöbel schreien: „Seht her, wie gut es denen geht!“

Es soll Fälle geben, in denen Obdachlose Straftaten begehen, um im Gefängnis unterzukommen…
Ja, ich kenne solche Fälle. Um durch den Winter zu kommen, fahren einige so lange schwarz, bis sie im Gefängnis landen. Dort haben sie es warm und es gibt regelmäßige Mahlzeiten.

Wie wirkt sich langjährige Obdachlosigkeit auf die Betroffenen aus?
Die Selbstachtung bewegt sich auf den Nullpunkt zu. Viele sagen sich: „Ich bin wertlos, ich bin scheiße.“ Solche Leute werden oft aggressiv, wenn man ihnen sagt, dass sie etwas wert sind, weil sie sich dann veralbert vorkommen. Die provozieren dann, schlagen auf die Tür ein, bis man sagt, ja du bist scheiße, dann sind sie zufrieden und haben ihre Bestätigung. Hinzu kommt ein Realitätsverlust, die Gefühlswelt gerät durcheinander, sie wissen nicht mehr, auf wen sie sich verlassen können. Obdachlosigkeit ist Dauerstress, die Leute sind in ihrem Überlebenskampf die ganze Zeit auf 180. Die Wohnungslosigkeit bringt viele Krankheiten mit sich.
Ich kenne einen, der nach langer Zeit endlich eine Wohnung bekam. In der starb er nach drei Wochen, weil er die ganze Palette der üblichen Gebrechen erworben hatte: Durchblutungsstörungen durch viel Alkohol und Zigaretten, Diabetes, Knochen- und Gelenkschäden. Ein Arzt hatte ihm gesagt, er müsse schnell ins Krankenhaus, aber das wollte er nicht. Er verdrängte einfach, wie schlimm es um ihn stand, wie viele andere Obdachlose auch.

Wie können Obdachlose es schaffen, wieder von der Straße zu kommen?
Zunächst mal müssten die meisten ihre Alkoholsucht bezwingen. Möglichst mit einer Entziehungskur, die den Menschen ganzheitlich betrachtet. Dabei muss der Frage nachgegangen werden, was der Alkoholiker sucht, denn Sucht kommt von suchen. Was also hat dem Alkoholkranken gefehlt? Außerdem muss er motiviert sein, sich aus seiner Lage zu befreien. Dann braucht er einen Vermieter, der das Risiko auf sich nimmt, einem Obdachlosen eine Chance zu geben. Das ist oft schwierig. Viele haben zum Beispiel mal in einer Wohnung der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) gewohnt und dort Mietschulden aufgehäuft. Dann stehen sie auf einer schwarzen Liste und kommen in keine der LWB-Häuser mehr rein. Manche schaffen es trotzdem, ein Wohnungsangebot zu bekommen, dass sie dann dem Sozialamt vorlegen können. Wenn nicht, können Beratungsstellen bei der Vermittlung helfen, zum Beispiel unsere Oase. Es ist auch möglich einen Antrag auf ambulantes betreutes Wohnen zu stellen.

„Ein würdevolles Leben ermöglichen“

Was müsste sich in unserer Gesellschaft verändern, um die Situation zu verbessern?
Es wären differenziertere Informationen vor allem seitens der Medien nötig. Oft bringen sie unsolide Informationen, die nur Vorurteile schüren, Vorurteile, die sich dann in Stadtverwaltungen wieder finden, auch in Leipzig. Zum Beispiel diese Berichte über den „Florida-Rolf“. Da wird es so dargestellt, als seien viele Sozialhilfeempfänger nur Sozialschmarotzer. Dabei kann es heutzutage jeden treffen. Wer seine Arbeit verliert, für den kann es schnell abwärts gehen. Es ist ja nicht mehr so wie früher, dass jeder, der fleißig ist, bis zur Rente seinen Job behält. Die Gesellschaft sollte offener für Menschen sein, die selbst ganz unten sind. Auch die Kirchen sollten da offener sein.

Die Kirche tut nicht genug in dieser Hinsicht?
Die Kirchen sollten Obdachlose stärker in die Mitte der Gemeinde aufnehmen. Dazu gehört auch, dass ein Wohnungsloser nicht gleich von einer Weihnachtsfeier ausgeschlossen wird, wenn er mal rumkrakeelt. Sie sollten sagen, du wirst von Jesus geliebt, und die Kirchentüren für ihn aufmachen. Das ist schließlich ihr Auftrag.

Sie wirken trotz der Schwierigkeiten so, als würden Sie ihre Arbeit gern machen.
Ich mache es gern, so bin ich nahe an den Menschen. Als Christ kann ich hier deutlich machen, dass die menschliche Würde unzerstörbar ist. Ich kann dabei helfen, denen, die am Rand der Gesellschaft leben, ein würdevolles Leben zu ermöglichen.

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