USA, Leipzig, Neuseeland
Mit Stefanie Bergmann (21), die aus Leipzig kommt und in Neuseeland studiert, sprach Marie-Theres Sebald.
Wie ist der Wunsch in Dir gereift, ausgerechnet in Wellington/Neuseeland zu studieren?
Stefanie Bergmann: Ich war ja schon nal ein Jahr in den USA. Schon damals wusste ich, dass ich nach dem Abitur zum Studium unbedingt wieder in ein englischsprachiges Land gehen will. Neuseeland war dann mehr oder weniger Zufall.
Also mal der Reihe nach. Du bist ja schon ziemlich weit in der Welt herumgekommen. Nach der 11. Klasse bist du in die USA gegangen und hast dort die Highschool besucht. Wie kam es dazu?
Ich war eigentlich schon immer ganz gut in Englisch und an unserer Schule ist es fast schon Tradition, dass jedes Jahr einige Schüler zum Austausch ein Jahr in die USA gehen. Meine Lehrerin kam dann irgendwann auf mich zu und erzählte mir davon und meinte, dass ich das doch auch machen könnte. Ich habe dann, als das Ok von meinen Eltern kam, Kontakt mit „Youth for understanding (YFU)“ aufgenommen, die die Organisation des Aufenthalt übernimmt, sich um das Visum, die Schulanmeldung und die Gastfamilie kümmert.
Und dann, nach der ganzen Vorbereitung und einem Englischtest, den Du absolvieren musstet, war es dann soweit: der Tag X war da und die Familie, Freunde und Verwandte stehen am Flughafen und wollen sich verabschieden. Was war das für ein Gefühl?
Natürlich war das ein komisches Gefühl. Wenn man weiß, dass man alle lieben Menschen und vor allem die Familie ein ganzes Jahr lang nicht sehen wird, in ein fremdes Land fliegt und dann gleich beim ersten Flug so lange in der Luft zu sein. Trotzdem hat die Vorfreude überwogen, ganz klar!
Und wie erging es Dir dann nach Deiner Ankunft in den USA?
Der Flug ging über Denver nach Dallas/Texas, wo alle Austauschschüler in der Region zwei Tage in einem von YFU organisierten Camp waren, um sich kennen zulernen und Organisatorisches zu klären. Meine Gasteltern und meine zwei Gastschwestern holten mich von dort mit ihrem riesigen Jeep ab und das Schlimmste war, dass ich nichts verstand! Ich wusste zwar, dass sie englisch sprachen, hörte auch, dass sie was sagten, doch der texanische Dialekt machte ein Verstehen erst nach und nach möglich. Aber sie nahmen mich herzlich bei sich in ihrem Haus auf und ich fühlte mich gleich wohl. Ich wohnte in einem kleinen texanischen Ort namens Bells, etwa zwei Stunden von Dallas entfernt und hatte mein eigenes Zimmer, was mir sehr wichtig war, um auch mal allein und für mich sein zu können.
War das dann auch in der Highschool ein Problem mit der Sprache?
Anfangs ja, doch das hat sich allgemein schnell gelegt und ich habe mich an den seltsamen Dialekt, der sich auch teilweise in mein Englisch geschlichen hat, gewöhnt. Der Unterricht an sich war wirklich nicht schwer und nicht mit dem Niveau deutscher Schulen zu vergleichen. Man dort zum Beispiel jeden Tag, das ganze Jahr über, genau den gleichen Stundenplan und die Prüfungen sind einfacher zu bestehen.
War es schwer für Dich Freunde oder Anschluss zu finden?
Nein, überhaupt nicht, eher im Gegenteil. Da die Bells Highschool eine sehr kleine Schule ist, hat sich dort natürlich schnell herumgesprochen, dass meine Gastschwester Ashley, die auf die selbe Schule ging, eine deutsche Gastschwester hat. Das heißt ich war bekannt wie ein bunter Hund und alle kannten das „german girl“, bevor ich überhaupt jemanden kannte. Aber da die Amerikaner im Allgemeinen sehr offen und kontaktfreudig sind, habe ich schnell Freunde gefunden. Mit einigen habe ich noch immer Kontakt und im letzten Sommer war ich auch auf der Hochzeit meiner „soul sister“ Angela.
Viele Europäer, die aus den USA zurückkommen, berichten von einem „Kulturschock“. Wie hast Du das erlebt?
Das erste was mir nach einigen Tagen bei meiner Gastfamilie auffiel war, dass ständig, zu jeder Tages- und Nachtzeit der Fernseher an war. Egal, ob jemand grade schaute oder ob er nur im Hintergrund lief. Außerdem hat in Amerika jedes Familienmitglied sein eigenes Auto, man darf ja schon mit 16 Jahren fahren und je größer das Auto, desto besser. Die meisten Familien haben dann normalerweise noch einen Ersatzwagen. Ein Klischee hat sich auch bestätigt: zum Essen gibt es meistens nur Burger. Der Herd wurde in der Zeit, in der ich bei meiner Gastfamilie war, nur einmal benutzt. Das war zu Thanksgiving, als die Oma etwas aufgewärmt hat. Auffällig ist auch, dass man in Geschäften, im Walmart oder bei Old Navy, ständig angeredet wird. „Hey wie geht´s? Tolles Wetter heute, nicht?“ Das ist Standard und einfach jeder redet gleich mit dir, die Kassiererin im Supermarkt, der Schuhverkäufer oder die Frau, die hinter dir in der Schlange steht. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn ein wildfremder Mensch die persönlichsten Dinge erzählt. Dass der Sohn frisch verheiratet ist und seine Frau das erste Enkelkind erwartet oder dass man eine schwere Operation vor sich hat und sich Sorgen macht.
Nach einem Jahr bist Du dann wieder zurück nach Leipzig gekommen und hast im letzten Sommer Abitur gemacht. Was hast Du von Deinem USA-Austauschjahr mitgenommen?
In erster Linie auf jeden Fall die Sprache. Und natürlich generell eine größere Offenheit für andere Menschen und Kulturen. Ich habe viele Kontakte geknüpft und auch wirklich gute Freunde gefunden.
Nach dem Austauschjahr in Amerika und zwei Jahren in Leipzig war für dich klar, dass du nach dem Abitur zum Architekturstudium wieder ins Ausland willst. Wie bist du auf die Idee mit Neuseeland gekommen?
Naja, in den USA war ich schon und ich wollte gerne wieder in ein englischsprachiges Land, weil ich die Sprache gut kann. Ich habe mich dann an mehreren Unis beworben: In London, in Australien an den Unis von Sydney und Melbourne, in Neuseeland an den Unis von Auckland und Wellington. Als Notnagel habe ich mich auch an der TU Wien beworben. Nachdem ich erstaunlicherweise von allen Unis Zusagen erhalten hatte, habe ich mich näher mit den einzelnen Unis beschäftigt und mich schlussendlich für die „Victoria University of Wellington“ entschieden, weil sie den besten Ruf hat und mich einfach Neuseeland reizt.
Du tust Dir also den ganzen Stress mit Studienstart in einem völlig unbekannten Land gerne an?
Ja, sehr gern sogar. Ich freue mich wahnsinnig auf diese Herausforderung. Ich freue mich auf das Land, die Leute, die Stadt. Am Anfang wohne ich bei Bekannten meiner Schwester, bis ich mir eine Wohnung gesucht habe. Dazu habe ich noch ein bisschen Zeit, denn das Semester beginnt erst im März, aber die meisten Studenten kommen wie ich schon früher, um sich einzuleben und eine Wohnung zu suchen. Die Sprache ist ja kein Problem, und das mit dem Studium haben schon viele vor mir geschafft, außerdem werden die ausländischen Studenten an der Victoria University sehr gut betreut und ich habe gehört, in Neuseeland soll alles viel lockerer zugehen an den Unis als in Deutschland. Außerdem gibt es für alle ausländischen Studenten noch im Februar eine Einführungswoche, in der man alles erklärt bekommt, auf dem Campus herumgeführt wird, etc. Das wird also schon werden und ich freu mich, wenn jetzt im Winter endlich los geht!
