Von Maurerkellen und Wärmedämmung
Von Bettina Meier
Der polnische Konsul wirkt blass, als der Dreizack seinen Hals berührt. Trotzdem lächelt er zu den polnischen Schülern und Lehrern hinüber, die sich im polnischen Institut am Leipziger Marktplatz versammelt haben. Er weiß: Der rote Teufel, der ihn hier mit einem Dreizack bedroht, ist nur Teil einer Theateraufführung. Mit dem polnischen Märchen, in dem ein König, ein Teufel und ein Sensenmann die Hauptrollen spielen, wollen sich die 32 Schüler für die vielen neuen Erfahrungen und die Betreuung bedanken. Fast alle Jugendlichen stammen aus der westpolnischen Stadt Boleslawiec und haben ein vierwöchiges Praktikum in Leipzig absolviert.
Unter ihnen ist auch Sebastian Wilk. Der 19-Jährige hat in einer Tischlerei in Markleeberg West gearbeitet. Dort hat er gelernt, alte Möbel zu restaurieren und er hat sein Deutsch verbessert. „Die Chancen, die wir in der EU haben, sind nicht schlecht.“, sagt Sebastian. Nach dem Abschluss an einer Baufachschule möchte er Abitur machen und dann wieder nach Deutschland kommen.
„Was die Politiker verkünden, mache ich in der Praxis“
Die Organisatorin der Praktika, Maria Peter hört solche Sätze gern. Seit vier Jahren akquiriert sie Firmen, kontaktiert polnische Schulen und hat insgesamt 600 polnischen Jugendlichen ein Praktikum in Leipzig ermöglicht. „Das was die Politiker verkünden, mache ich in der Praxis“, sagt Maria Peter. Die Deutsch-Polin möchte Jugendlichen eine Berufsperspektive und eine „Lebensschule“ geben. Und sie will Wissen über die Europäische Union verbreiten. Denn da, sagt Peter, liegt die Zukunft. Aus diesem Grund leitet sie seit 14 Jahren das Europahaus in Leipzig. Die gemeinnützige Informationsstelle finanziert Peter hauptsächlich aus Projektmitteln der EU. Jedes Jahr muss sie sich dafür in Brüssel neu bewerben. Bei Vorhaben wie dem polnischen Praktikantenprogramm hilft sie mit Informationen und Kontakten. Zusammen mit einer Kollegin in Warschau erklärt sie Schulen in Polen, wie man EU-Anträge ausfüllt. Die sind der Schlüssel zu den begehrten Projektmitteln. Und davon sind immerhin 26.000 Euro im vergangenen Jahr für das Praktikantenprogramm zusammengekommen.
Begehrt sind vor allem aber die Praktikumsplätze in den Firmen. „Mittlerweile bekomme ich Anfragen aus ganz Polen. Ich kann mich kaum noch retten vor Praktikumsanfragen.“, schildert Maria Peter die Situation. Doch die Plätze in den Firmen sind knapp. Nur elf Leipziger Unternehmen beteiligen sich derzeit an dem Praktikantenprogramm. Darunter sind Frisörsalons, Abschleppdienste und eine Computerfirma. Dabei müssen die Firmen nicht einmal etwas für die Praktikanten bezahlen. Doch in Zeiten, wo Ausbildungsplätze Mangelware sind und Arbeitsplätze verloren gehen, haben es auch Praktikanten immer schwerer, eine Arbeit zu finden, bei der sie wirklich etwas lernen. „Es besteht die Gefahr, dass Firmen Praktikanten immer mehr als billige, ja kostenlose Arbeitskräfte sehen.“, räumt Maria Peter ein. Doch im Grunde ist sie froh, wenn sich überhaupt eine Firma findet, die Praktika anbietet.
Keine Nachteile zu deutschen Praktikanten
Wie angespannt die Stellensituation derzeit ist, zeigt sich auch bei der Theateraufführung der Praktikantengruppe aus Boleslawiec. Nur ein einziger Firmenvertreter ist gekommen. Jochen Forßbohm von der Bauinnung Leipziger Land ist in Baumeistertracht erschienen. „Praktikanten sind in dem Sinne ja keine vollwertigen Arbeitskräfte, die man einkalkulieren kann.“, erklärt Forßbohm „Die lernen ja erst und wir müssen uns Zeit für sie nehmen.“ Schwerwiegende Nachteile im Gegensatz zu deutschen Praktikanten sähe er aber keine. Immerhin könne man im Handwerk die Arbeitsschritte einfach vorführen und sich mit Händen und Füßen unterhalten. „Wenn einer zum Beispiel keine Mütze auf hat beim Arbeiten, habe ich auf den Kopf gezeigt und wenn er seine vergessen hat, dann hat er halt eine andere gekriegt.“, sagt der Innungsmeister. Seine Praktikanten bekommen immerhin 50 Euro in der Woche. Damit die polnischen Jugendlichen das Leipziger Land kennenlernen, begleiten sie die Handwerker oft im LKW zu den Kunden. Ein Praktikant durfte sogar bei einem Auftrag im Leipziger Zentralstadion helfen. Auf diese Weise möchte Forßbohm die Jugendlichen an seinen Beruf heranführen und den Nachwuchs sichern. Seine Botschaft lautet: „Gute Handwerker finden überall Arbeit.“
Firmen wie die von Jochen Forßbohm sind für Maria Peter ein Glücksfall. Aber sie weiß, dass nicht alle Unternehmen so denken. Viele müsse sie erst von ihrer Praktikantenidee überzeugen. Dabei wird eines deutlich: Obwohl die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften aus den EU-Nachbarländern steigt, sind nicht mehr Ausbildungsangebote hinzugekommen. Der Grund: Ausbildung kostet, Lohndumping dagegen bringt Gewinn. Davon betroffen ist vor allem das Baugewerbe. Noch, denn der polnische Konsul weist auf den bevorstehenden Arbeitskräftebedarf aus seinem Land hin, wenn in Deutschland wegen der Altersstruktur zu wenig junge Erwachsene vorhanden sein werden. Er warnt: „Für Polen besteht die Gefahr, dass unsere jungen Leute ins Ausland gehen und bei uns eine Lücke als wertvolle Arbeitskraft hinterlassen.“
Der 19-jährige Praktikant Karol Gruge hat im Theaterstück den König gespielt. Nach dem Praktikum in Leipzig hat er neben Fachbegriffen wie „Maurerkelle“ und „Wärmedämmung“ gelernt, Wände aufzubauen und Gebäude zu restaurieren. Er will seinem Heimatort Boleslawiec treu bleiben und erst einmal dort mit anpacken. Die Maurerhandschuhe, die ihm sein Betrieb geschenkt hat, kann er gut gebrauchen, wenn er demnächst in Boleslawiec eine Maurerlehre oder ein Studium als Bauingenieur beginnt.
