Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

Der Abstieg zum Menschsein

Von Marko Wild

Er war kleiner, als ich erwartet hatte. Auch sah er nicht wie ein bergsteigender Sunnyboy aus, sondern wie ein Mann, der gerade mit den letzten Vorbereitungen für einen Lichtbildervortrag beschäftigt ist. Dunkler Rolli, schwarzes Sakko, schwarze Jeans. Außerdem war er etwas hektisch. Wir begegneten uns zuerst auf dem Klo – was ein Glück für mich war, da das etwas Zufälliges hatte und so keiner von uns dem anderen gegenüber spielen musste. „Sind sie Olaf Rieck?“, fragte ich ihn am Waschbecken, nachdem ich mir extra lange die Hände abgetrocknet hatte, um zu warten, bis er neben mir in den Spiegel schaute. Er war es. Ich stellte mich vor. „Zwanzig Minuten habe ich aber noch?“ sagte er und huschte aus dem Klo hinaus. Natürlich, antwortete ich. Unsere telefonische Vereinbarung galt also.

Worüber redet man mit einem Mann, der in wenigen Minuten einen Diavortrag hält, der im Mai den höchsten Berg der Erde bezwingen will, der anscheinend ein ziemlich guter Selbstvermarkter ist und den man genau darum schlecht einschätzen kann – wenn man eben nicht dieses stereotype Journalisten-Bergsteiger-Zwiegespräch führen will, wenn man nicht nach dem vorurteilsbedingt Schlechten herumsezieren will, ihm aber auch keine kostenlose Publicity verschaffen möchte, sondern das Besondere sucht, das Einmalige, das nicht zur Vermarktung taugt, aber den Blick auf die Wahrheit dieses Mannes einen Moment lang leise freilegt? Wie nähert man sich einem völlig fremden Menschen, der einen am Telefon mit „junger Mann“ angeredet hatte, der einem professionell eine knappe Stunde Zeit zur Verfügung stellt, um danach wieder in den alltäglichen Rhythmus aus Diavorträgen, Aufbautraining 1 und 2 und den sonstigen Vorbereitungen der Everest-Expedition zu verschwinden?

Abenteuer als Menschheitsdrang

Was ein Mensch ist, offenbart sich in dem, was er glaubt. Also nahm ich mir vor, mit ihm über Religion zu reden. Der Weg dorthin erschien mir nicht schwer. Meine Aufstiegsroute sah vor, fließend ineinander übergehend die Stichwörter „Abenteuer“, „Suche“, „Bergsteigen als Religion“ und „Glaube“ ins Spiel zu bringen.

Dr. Olaf Rieck, 41 Jahre, Veterinärmediziner, seit 1998 Bergsteigerprofi, zwei bestiegene Achttausender, Erstbesteigung zweier Sechstausender, mehrmalige Winterbesteigungen eines Sechstausenders als Bergführer für zahlende Kunden, zahlreiche Abenteuertouren, stolz auf das bisher Erreichte und auf seine Unabhängigkeit, nippte also an einem Kaffee, während ich ein dunkles Bier hielt, damit meine Hand nicht so hilflos in der Luft herumhing. Wir siezten uns. Er 11 Jahre älter als ich, dafür ich 11 Jahre jünger als er. Okay, let`s go.

Er erklärte mir, dass der Drang, Abenteuer zu erleben, ein Überbleibsel aus der Frühzeit des Menschen sei. Damals lebten die Menschen in permanenter Gefahr und mussten sie, um des Überlebens Willen, auch viel mehr suchen. Die Evolution (ich horchte auf: Evolution also – das erste Glaubensparadigma) hätte den Menschen zwar äußerlich weiterentwickelt, innerlich seien einige seiner Instinkte aber immer noch vorhanden. Unter anderem die Abenteuerlust. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er froh war, über ein Thema referieren zu können, zu dem er viel zu sagen wusste. Aber die Antworten klangen, als hätte er sie schon oft gegeben. Und meine Zeit rann davon. So kam ich nicht weiter. Dann erwähnte er irgendwie den Begriff „Glück“, stand aber gleich danach auf und stellte die atmosphärische Begrüßungsmusik lauter. Als er zurückkam schlug er vor, sich an einen anderen Ort zu setzen, wo wir noch ungestörter sein würden. Dieser Ort lag bezeichnenderweise höher, auf einer Art Empore. Von da begann mein Treffen „Einen Trinken mit Olaf Rieck“ zum zweiten Mal. Und der Ausgangspunkt war das Glück.

Auf dem Berg sich selbst finden

Im Bergsteigen finde er also Glück. Ob man denn Bergsteigen als Quasireligion ansehen könnte, da ja alle Religionen dem Menschen versprechen, ihn zum Glück zu führen, fragte ich ihn. Das weiß ich nicht, sagte er, aber es eröffnet einem tiefe Einblicke in die menschliche Seele. Was er denn da finde? Er sann nach. Abgründe. Manchmal auch große Leere. Man erkennt, dass man sich viel zu wichtig nimmt. Man erfährt „die Zertrümmerung der menschlichen Selbstherrlichkeit.“ Dieser Satz, gestand er, sei zwar nicht von ihm, aber man kann ihn kaum besser formulieren. Ob es denn Menschen gäbe, die an „menschlicher Selbstherrlichkeit“ leiden? Oh, viele. Fast alle eigentlich. Und was ist die Konsequenz, wenn man, nachdem man sich in einer solchen Weise erkannt hat, wieder vom Berg herunten ist? Er überlegte kurz. Dass man zum Beispiel nicht mehr hupt, wenn der vor einem bei Grün nicht losfährt. „Tun Sie das?“ „Ja. Ich versuche es.“

Wir philosophierten ein wenig über Ziele und Selbstbestätigung und darüber, ob ein Bergsteiger sich theoretisch nicht konsequenterweise umbringen müsste, nachdem er den höchsten Berg bestiegen hat – wenn das sein Lebensziel war. Nun ja, seines, Olaf Riecks, höchstes Ziel sei dies jedenfalls nicht. Dann fasste ich mir ein Herz und holte aus, zur Frage aller Fragen. Angenommen, es gibt so etwas wie einen Gott, fühlt er sich diesem dann näher, wenn er auf dem Gipfel ist? Die Antwort überraschte mich in ihrer Stärke: „Ganz klar ja. Wenn man da oben ist, fühlt man sich selbst fast wie Gott. Man ist ja das Produkt seines Schöpfers, man atmet ein, man …“ Und dann leise, mit einer fast verzweifelten Geste: „Verstehste, was ich meine?“ Ja! Das war es, wonach ich gesucht hatte. Das war der wunderbare Blick vom Gipfel über die weite Ebene. Das war ein Moment der Wahrheit, der ungetrübten Sicht, der klaren Luft. Wer hier abspringt, der stürzt nicht, der gleitet. Jetzt war dieser Mann keine bergsteigende Marketingstrategie mehr. Jetzt war er ein Mensch.

1 Comment

  1. Also find ich immer noch gut … nach all den Jahren. Ham wir doch gut hingekriegt, der Olaf und ich, ne?

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