Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

„Der Stellenwert von Kindern und Müttern hat sich erheblich verschlechtert.“

Mit Katja Krause vom Projekt „Findelbaby“ sprach Jana Rehse.

Sie wurden vor vier Jahren ungewollt schwanger und konnten sich das Leben mit einem Kind nicht vorstellen. Was war passiert?
Das Kind war nicht geplant. Ich wurde schwanger nach einem One-Night-Stand und der Vater wollte anschließend nichts mehr von mir und dem Baby wissen. Ich habe meine Schwangerschaft außerdem erst sehr spät bemerkt – so spät, dass auch ein Abbruch nicht mehr in Frage kam. Dadurch bin ich in eine richtige Lebenskrise geraten und konnte gar keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ein Kind passte mir überhaupt nicht in mein Lebenskonzept.

Was haben Sie dann gemacht?
Für mich war relativ schnell klar, dass ich das Kind zur Adoption freigebe. Aber ich hatte keine Ahnung, wie das ablaufen sollte. Ich habe mich damals wahnsinnig geschämt und hätte mir nicht vorstellen können, zu einem Jugendamt zu gehen. Mir fehlte auch der Mut, in meiner Heimatstadt in einer Klinik zu entbinden und dann zu sagen, dass ich das Kind nicht möchte. Da ich meine Schwangerschaft verheimlicht habe – was am Ende allerdings immer schwerer wurde – suchte ich eine Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. Über das Internet habe ich vom Projekt „Findelbaby“ vom Verein „SterniPark“ erfahren. In Flensburg brachte ich mein Kind anonym zur Welt. Ich wollte es eigentlich nie wieder sehen. Aber nach drei Wochen hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte mein Baby zurück.

Inzwischen leiten Sie selbst das Projekt „Findelbaby“ hier in Leipzig. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe?
In erster Linie ist es meine beziehungsweise unsere Aufgabe als Verein, Schwangeren in Not eine Alternative zur Mülltonne zu geben. Um das ganz deutlich zu sagen: Keine Mutter muss ihr Kind entsorgen. Jede Frau, die durch die Schwangerschaft in eine Konfliktsituation gerät, hat die Möglichkeit, sich anonym an uns zu wenden. Wir helfen dann, wo wir nur können – damit das Kind gesund auf die Welt kommt.

Wie können sich die Frauen an Sie wenden?
Es gibt eine kostenlose Nutrufnummer, die 24 Stunden am Tag geschaltet ist. Außerdem haben die Frauen die Möglichkeit, über das Internet mit uns in Kontakt zu treten. Schwangere erhalten Beratung und können sich in unseren Mutter-Kind-Einrichtungen in Ruhe auf die Geburt vorbereiten. Frauen, die gerade entbunden haben, erhalten Beratung. Wir bieten aber auch an, das Kind zu uns zu nehmen und es zu betreuen.

Wo gibt es diese Mutter-Kind-Einrichtungen?
In der Regel hat jede Stadt eine Mutter-Kind-Einrichtung. Vom „SterniPark“ haben wir bereits in Hamburg und in Satrupholm [bei Flensburg; Anm. d. Red.] ein großes Mutter-Kind-Haus. Außerdem wird im April ein Haus in Halle an der Saale eröffnet. Dort können zum einen neun Frauen mit ihren Kindern im Rahmen einer Maßnahme des Jugendamtes leben. Zum anderen können wir auch Frauen aus der Region anonym aufnehmen und besser vor Ort betreuen. So müssen die Frauen aus den neuen Bundesländern zukünftig nicht mehr den weiten Weg in den Norden auf sich nehmen.

Wie stehen Sie zur Option „Babyklappe“?
Der Verein „SterniPark“ betreut in Hamburg zwei Babyklappen, wo jede Mutter ihr Neugeborenes ablegen kann. Wir halten die Babyklappe aber nicht für die optimale Lösung. Wir wollen die Frauen vorher erreichen, denn die Babyklappe setzt voraus, dass eine Frau ihr Kind ohne medizinische Hilfe auf die Welt bringt. Und irgendwo allein in der Badewanne oder auf der Toilette entbinden zu müssen oder dort geboren zu werden, ist gefährlich für Mutter und Kind und kann auch zum Tode führen.
Aber die Babyklappe ist das unterschwelligste Hilfsangebot, dass man einer jungen Mutter bzw. einer schwangeren Frau in Not geben kann. Durch die Babyklappen wurde eine Möglichkeit geschaffen, ein Baby strafffrei abzulegen. Denn selbst wenn eine Frau ihr Kind vor einem Krankenhaus aussetzt, macht sie sich strafbar, da sie es dem Zufall überlässt, wann und wie das Kind gefunden wird.

Sie begleiten Schwangere auch zu anonymen Geburten in Krankenhäuser. Worin sehen Sie dabei die Vorteile?
Wir wollen, dass die Frauen in erster Linie die Geburt und damit die Schwangerschaft gesund zu Ende bringen. Dabei gewähren wir ihnen einen Schutzraum: Wir helfen, ohne nach Namen, Anschrift oder Krankenkassenkarte zu fragen. Uns geht es in erster Linie um das Wohl des Kindes – dabei spielt die Identität der Mutter eine untergeordnete Rolle. Inzwischen gibt es auch schon 35 Krankenhäuser, die mit uns kooperieren und anonyme Geburten durchführen.

Sie heben die Anonymität besonders hervor. Warum ist es den Frauen so wichtig, dass sie ihre Daten nicht bekannt geben müssen?
Durch meine Arbeit habe ich festgestellt, dass es den Frauen nicht unbedingt wichtig ist, ihren Kindern gegenüber anonym zu bleiben. Für sie ist es oftmals viel wichtiger, dass ihr Umfeld nicht erfährt, dass sie Mutter geworden sind und ihr Kind zur Adoption freigegeben haben. Die meisten von ihnen wissen nichts von der Schweigepflicht der Ärzte und auch der Jugendämter.

Wer trägt bei anonymen Geburten im Krankenhaus die Kosten für die Entbindung?
Heben die Frauen ihre Anonymität nicht auf, trägt das Projekt „Findelbaby“ vom Verein „SterniPark“ die Kosten. Dieses Projekt finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Gibt die Mutter später ihre Daten bekannt, besteht ein Erstattungsanspruch gegen die jeweilige Krankenkasse.

Laut Personenstandsgesetz haben die Krankenhäuser aber doch die Pflicht, jede Geburt nach spätestens einer Woche zu melden. Entfällt diese, bei anonymen Geburten?
Nein, es gibt diese Meldepflicht. Aber das Krankenhaus kann nur die Daten weitergeben, die ihm bekannt sind – meist ist es nur der Vorname der Mutter. Außerdem wissen sie das Datum, die Uhrzeit, das Gewicht und das Geschlecht des Säuglings. Mehr Auskunft können sie nicht erteilen. Ihrer Meldepflicht sind sie damit nachgekommen. Das Personenstandsgesetz sieht auch eine Verpflichtung der Mutter vor, die Geburt zu melden. Aber erst dann, wenn sie dazu im Stande ist. Das Standesamt muss sich im Sinne des Mutterschutzes gedulden.

Wie viele Kinder wurden vom Projekt „Findelbaby“ im letzten Jahr betreut?
Ich persönlich habe zwölf Kinder und deren Mütter betreut. Diese kamen Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Beim Verein „SterniPark“ waren es deutschlandweit aber mehr als 50 Frauen.

Die Anzahl der ausgesetzten Säuglinge hat sich aber durch das Projekt kaum verändert – sie liegt seit Jahren konstant zwischen 40 und 50. Kritiker sagen daher, dass durch Projekte wie „Findelbaby“ es Frauen leichter gemacht wird, ihr Kind abzugeben.
Diese 40 bis 50 Kinder sind nur die gefundenen Kinder, die Dunkelziffer wird auf das Doppelte bis Dreifache geschätzt. Ich bin realistisch und weiß, dass derartige Projekte Aussetzungen nie ganz verhindern können. Es gibt Frauen, die einen besonders schweren Konflikt austragen und deshalb auch für uns nicht erreichbar sind. Wir schafften mit unsrem Hilfsangebot aber keinen Bedarf. Unsere Arbeit belegt, der Bedarf ist schon da. Darum kann man solche Projekte nicht untersagen.

Gegnerin Andrea Fischer schrieb in der „Zeit“, dass mit „Findelbaby“ das Rad der Zeit zurückgedreht wird. Sie betonte, es sei schlimm genug, dass Frauen in unsrem Zeitalter willen- und hilflos in eine Schwangerschaft geraten und dann nicht einmal zugeben können und dürfen, dass sie ein Kind erwarten!
Durch Babyklappen und anonyme Geburten dreht man meiner Meinung nach kein Rad zurück. Wer das behauptet, verwechselt Ursache und Wirkung. Frauen verheimlichen ihre Schwangerschaft nicht, weil es Babyklappen und anonyme Geburten gibt. Das haben sie schon getan, bevor es das Projekt „Findelbaby“ gab. Es ist umgekehrt: Weil es auch heute noch Frauen gibt, die Schwangerschaften verheimlichen und verbergen, müssen wir ein Hilfskonzept anbieten. Und das der Bedarf da ist, ist eine Konsequenz aus der Entwicklung der Gesellschaft. Hier stellt sich die Frage, ob sich die Gesellschaft nicht zurückentwickelt. Der Stellenwert von Kindern und Müttern hat sich doch erheblich verschlechtert.

Was passiert nach der Geburt mit den ungewollten Kindern beziehungsweise mit den Kindern, die bei Ihnen abgegeben wurden?
Wenn das Kind uns direkt von der Mutter übergeben wird, erhalten wir deren Vollmacht, die Personenfürsorge für die nächsten acht Wochen zu übernehmen. Die Kinder kommen während dieser Zeit in eine ehrenamtliche Pflegefamilie. Ein „Babyklappen-Kind“ wird ebenfalls acht Wochen lang in eine Pflegefamilie gegeben. In der Zeit versuchen wir die Mutter ausfindig zu machen. Dabei ist es besonders wichtig, dass unsere Pflegeeltern kein Interesse haben, dass Kind zu adoptieren. Für die leibliche Mutter besteht so nicht Gefahr, dass sie das Kind von Adoptivbewerbern wegnimmt, die sich schon lange ein Kind wünschen.

Wie kümmern Sie sich in dieser Zeit um die leiblichen Mütter?
Sie können sich zu Hause oder in unseren Mutter-Kind-Einrichtungen erholen. Dort haben sie Zeit zum Luft holen und können ihre Gedanken und Gefühle ordnen. Und so können die Mütter gut überlegt eine Entscheidung für sich und ihr Kind treffen. Wir arbeiten dabei mit ihnen zusammen und versuchen, ein Lebenskonzept zu entwerfen. Dabei dürfen die Mütter in den acht Wochen ihr Kind jederzeit in der Pflegefamilie besuchen.

Was hat es mit diesen acht Wochen auf sich?
Die zwei Monate sind vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Selbst eine Frau die ihr Kind zur Adoption freigeben will, darf das erst nach acht Wochen tun.

Wie viele Frauen sind es, die sich nach diesen acht Wochen für ein Leben mit ihrem Kind entscheiden?
Deutschlandweit sind es vom Verein „SterniPark“ die Hälfte der Frauen, die sich doch für ein Leben mit Kind entscheiden können.

Was passiert, wenn sich die Mütter nicht für das Kind entscheiden können?
Dann wenden wir uns an eine Adoptivvermittlungsstelle. Das kann entweder das Jugendamt oder ein kirchlicher Träger sein. Diese suchen nach geeigneten Adoptiveltern für das Kind. In den meisten Fällen entscheiden sich die Frauen für eine „Halb-Offene-Adoption“, das heißt sie wollen zukünftig den Kontakt mit ihren Kindern halten.

Wie viele Mütter stimmen dieser Form der Adoption zu?
Seit der Gründung des Projektes „Findelbaby“ vor vier Jahren haben wir über 200 Frauen betreut. Lediglich zwei von ihnen sind gänzlich anonym geblieben. Das war zum einen eine muslimische Frau, die um ihr Leben fürchten muss und zum anderen eine Frau aus einem Zeugenschutzprogramm.

Zwei Frauen, die ihre Identität nicht bekannt gegeben haben: In der Menschenrechtskonvention über den Schutz des Privatlebens heißt es aber doch, dass jeder Mensch ein Recht hat, seine Ursprünge und damit auch seine biologische Herkunft zu kennen.
Dem stimmen wir auch zu. Aber man muss in Einzelfällen den Willen der Mutter respektieren. Das hat der Europäische Gerichtshof letztes Jahr im Februar auch bestätigt, als eine Französin auf Herausgabe der Daten ihrer Mutter geklagt hat. In Ausnahmefällen ist abzuwägen, ob dass Recht der Mutter auf eine Geburt im Krankenhaus unter angemessenen medizinischen Bedingungen nicht höher anzusiedeln ist, als das Recht des Kindes auf Herkunft.

Gibt es ein Mutter-Kind-Schicksal, das sie nicht vergessen werden?
Mir geht es immer besonders nah, wenn Frauen allein ihre Kinder zur Welt bringen – zu Hause ohne jegliche Unterstützung. Mit ihnen fühle ich mich besonders eng verbunden. Ich habe selbst ein Kind geboren und kann nachempfinden, was es bedeutet, allein zu sein.

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Arbeit in Zukunft?
Ich wünsche mir mehr Akzeptanz und Verständnis für Frauen, die den Wunsch haben, anonym zu entbinden. Man sollte sich manchmal fragen, warum eine Frau, die gerade ihre Ausbildung beendet hat, keine Zukunft für sich mit einem Kind sieht – zumal es vielfach keine Unterstützung vom Vater gibt. Der Gesellschaft sollte ein Spiegel vor die Augen gehalten werden, um diese Problematik zu erkennen.

Die Notrufnummer vom Projekt Findelbaby ist 24 Stunden am Tag geschaltet und deutschlandweit kostenlos: 0800 456 0 789.

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