„Ich kann auch nicht sagen, was Kunst ist“
Mit Galerieleiter Torsten Reiter sprach Annika Brandt.
Was unterscheidet die maerzgalerie von anderen Galerien?
Torsten Reiter: Wir vertreten ein ganz eigenes Programm und haben uns mittlerweile damit etabliert. Die Frage ist: Wie schafft man es, in einem begrenzten Markt unabhängig zu sein? Das, was unser Profil ausmacht, ist die Tatsache, dass wir vorwiegend mit jüngeren Künstlern zusammenarbeiten. Wir sehen uns als eine Art Aufbaugalerie. Man kann auf etablierte Namen setzen, aber das erschien mir nicht als besonders spannend oder sinnvoll. Mich interessieren künstlerische Positionen, die möglichst eigenständig sind, also eine souveräne Haltung entwickelt haben und nicht zu stark nach den aktuellen Trends gehen. Unser Schwerpunkt liegt vorwiegend auf Fotografie und Malerei. Wir stellen viele Leipziger Künstler aus, aber auch internationale.
Wie erkennt man solche eigenständige Kunst?
Ich gehe durch die Hochschulen und auf Ausstellungen, wo junge Kunst zu sehen ist. Ich kann auch nicht sagen, was Kunst ist, aber ich weiß, was ich dafür halte. Dazu gehören auch harte Kriterien, das heißt, wie entwickelt sich jemand am Markt. Die Werke sollen ja öffentlich gemacht werden.
Was bedeutet Kunst für dich?
Es ist natürlich schwierig, eine allgemeine Definition aufzustellen. Kunst offenbart sich nicht offensichtlich, das wäre zu wenig. Es sollte immer noch etwas Ungeklärtes oder Rätselhaftes bleiben. Kunst sollte keine plumpe oder missionarische Botschaft vermitteln. Auch strenge Arbeiten sollten einen gewissen sinnlichen Gehalt aufweisen. Kunst soll nicht nur schön und Luxus sein, sondern auch anstrengen und immer eine Tür offen halten. Die wirklich großen Kunstwerke entstehen nicht nur durch den Künstler, es ist etwas dabei, was sich der kompletten Kontrolle entzieht – ob das etwas Göttliches ist oder Zufall oder was auch immer
Wie kam es zur Eröffnung der maerzgalerie?
Das muss ein Wahnsinnseinfall gewesen sein! (lacht) Das Interesse für Kunst war natürlich da, ich wollte zunächst Bildhauer werden. Das war aber nur eine kurze Episode, weil ich meiner eigenen Kritik nicht standgehalten habe. Jetzt versuche ich mich lieber als Kunstvermittler. Zuerst habe ich in einem Kunstverein Erfahrungen mit dem Kunstbetrieb gesammelt. Viele Erfahrungen habe ich aber erst gemacht, als die Galerie schon existierte. Die erste Zeit nach der Eröffnung im Jahr 1999 war sehr schwer, doch mittlerweile kann ich sagen: Das, was ich mir vorgestellt habe, habe ich erreicht.
Wie ist der Name „maerzgalerie“ entstanden?
Es sollte ein Name sein, der kurz und klangvoll ist und an den man sich leicht erinnert. Auf der anderen Seite gibt es eine metaphorische Bedeutung. Frühling bedeutet Erneuerung, Aufbruch, Kraft, die Neuentdeckung der Welt und auch Lebensfreude.
Wie viele Bilder verkaufst du im Monat?
Ich möchte keine Menge nennen, das ist ganz unterschiedlich. Aber es wird auf jeden Fall jeden Monat mehr. Leipzig ist nicht der traditionelle Kunstmarkt, die Marktkapazität ist begrenzt. Aber es ist ein sehr interessanter Standort. Hier gibt es junge Kunst von Rang und Qualität und zunehmender Bekanntheit.
Wie ist der Kontakt zu den Künstlern?
Es gibt einen relativ engen persönlichen Kontakt, teilweise auch freundschaftlich. Die Künstler arbeiten sehr für die Galerie und machen sie stark. Das ist ein ganz wichtiges Gut. Es sind nicht nur rein wirtschaftliche Beziehungen, man denkt gemeinschaftlich.
Was hat es mit der Kooperation mit der Galerie „quicksilver“ in Berlin auf sich?
Dabei handelt es sich um eine „private public partnership“ zwischen der maerzgalerie und dem Berliner Kulturbüro City-West. „quicksilver“ ist eine gemeinsam betriebene Galerie. Es gab bisher noch keine solche Zusammenarbeit. Wir haben dort ein ähnliches Konzept, haben aber mehr Freiräume und können mehr experimentieren. Wir verfolgen die Entwicklung der jungen Künstler. Das ist manchmal wie Perlentauchen. In Berlin zeigen wir fast ausschließlich Fotografie und behandeln die Frage: Was passiert an den Stellen, wo sich Malerei und Fotografie berühren?
Was sind deine Pläne für die nächsten fünf Jahre?
Die Künstler hier weiter stabilisieren, in den Kunstmarkt einbetten und eine Befestigungsarbeit dessen leisten, was bisher erreicht wurde. Wir möchten Nachhaltigkeit erzeugen, größer werden und weltweite Verbindungen aufbauen.
