„Jeder Mensch hat eine romantische Ader“
Mit Sven Regener, dem Kopf hinter „Element of Crime“, traf sich Alexander Doletschek auf einen Kaffee.
Was verbindest Du als politischer Mensch eigentlich mit Leipzig, einer Stadt mit so viel politischer Vergangenheit?
Sven Regener: Es gibt eigentlich überhaupt keine große Stadt ohne politische Vergangenheit. Und auch viele kleine haben eine, das wollen wir mal nicht vergessen. Ich habe Leipzig erst nach der Wende kennen gelernt, aber ziemlich schnell nach der Wende. Ich glaube, 1991 war ich das erste Mal hier. Und Leipzig ist eine große Stadt. Ich habe nie so eine spezielle Meinung zu Städten, ich nehme das alles einfach so hin, wie es kommt. Ich bin in solchen Fragen nicht sehr gut.
Wenn man Deine Biografie liest, kann man feststellen, dass Du immer ein sehr politischer Mensch warst und noch bist. Wie kam es dazu?
Das war ganz normal. Ich bin 1961 geboren, das heißt, ich habe in den 70er Jahren meine Teenager- und Jugendjahre verbracht. Und das war eben eine sehr politische Zeit. Ich will deshalb nicht sagen, ich bin speziell ein politischer Mensch. Viele Leute sind politisch interessiert. Warum auch nicht, es geht uns auch was an. Die 70er waren eigentlich eine sehr politisierte Zeit, muss man wirklich sagen, mit allem was dazu gehört, den guten und den schlechten Seiten, auch den ganzen Dummheiten und dem Geschwalle. Und natürlich ist vieles dabei einfach nur Posing, wie Luftgitarre spielen oder so. Oft geht es ja nicht unbedingt um Politik, sondern einfach darum, den coolen Macker zu machen oder sich auf gewisse Weise in den Vordergrund zu spielen. Ich sehe mich nicht als homo politicus.
Wenn Du Dir die Wahlen in Sachsen aus dem vergangenen Jahr anschaust, wo 20 Prozent der Erstwähler NPD gewählt haben, was geht Dir dann durch den Kopf?
Ich kenne das ein bisschen aus Bremerhaven, als in den 80er Jahren DVU-Leute das erste Mal wieder in ein Landesparlament kamen. Das, was hier läuft, ist hochgradig deprimierend. Dafür gibt es auch keine Entschuldigung. Ich muss einfach sagen: Wer NPD wählt, ist Abschaum! Das ist meine feste Überzeugung. Da gibt es für mich keine Vermittlung. Und da gibt es für mich auch nichts von wegen „schwierige Situation“. Ich glaube kein Wort davon.
Was denkst Du, woran liegt das? Mangelnde Aufklärung oder mangelndes Interesse?
Ja, aber auch sittliche Verwahrlosung, Gefühlsrohheit. Wenn man nur einigermaßen mitkriegt, was die da bringen bei der NPD und das gut findet, dann muss man vom ganzen Benehmen und vom ganzen Menschen her so unglaublich verroht sein und so ein unglaubliches Schwein, das ist überhaupt nicht zu fassen. Das wird auch wirklich zu einer sittlichen und moralischen Sache – eine Form von sittlicher Verwahrlosung, die dazu führt, dass Leute so etwas wählen.
In einem Interview hast Du einmal gesagt: „Ich bin zum Bund gegangen, um politisch aktiv zu sein.“ Wie meinst Du das?
Ich war damals politisch organisiert in den 70er Jahren, im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Das war bei uns die politische Linie, dass wir in der Bundeswehr als Agitatoren arbeiten, dass wir also nicht den Kriegsdienst verweigern, sondern dass man da eben hin gehen sollte und politisch arbeiten sollte. Schön ist was Anderes.
Herr Lehmann, Deine Romanfigur, ist ja auch ein politischer Mensch. Er kommt auch aus Bremen, ist ein ähnlicher Jahrgang wie Du, war auch beim Bund und hat die Zeit dort auch eher gehasst als geliebt. Du sagst, Du seiest nicht Herr Lehmann. Trotzdem gibt es viele Parallelen in der Biografie. Das kann doch kein Zufall sein, oder?
Das ist kein Zufall. Denn wenn ich ihn nicht aus Bremen kommen lassen würde, sondern aus Bielefeld, wäre es für mich schwieriger, das Buch zu schreiben. In Bremen kenne ich mich aus, in Bielefeld nicht. Gerade weil es eine fiktive Figur ist und es schon anstrengend genug ist, sich zu überlegen, wie er handelt und drauf ist, ist es nicht unbedingt nötig, ihn aus einer Stadt, die ich nicht kenne, kommen zu lassen. Es gibt 500 000 Bremer. Da muss man auch mal die Kirche im Dorf lassen. Nur weil jemand aus Bremen kommt. Das ist nichts!
Wie kommt man darauf, eine fiktive Figur wie Frank Lehmann zu schaffen?
Alle denken immer, die Parallelen wären zwischen mir und Frank Lehmann. Niemand überlegt sich, ob ich mich nicht vielmehr mit seiner Mutter identifiziere. Ich bin wie der Achim aus politischen Gründen zum Bund gegangen, war also ein organisierter Kommunist wie er oder Martin Klapp. Ich habe nach einem halben Jahr verweigert, bin durch gekommen und habe Zivildienst in Lüneburg gemacht. Ich bin nach Hamburg gegangen zum Studieren. Ich habe eigentlich immer Musik gemacht. Wahnsinnig viele Parallelen sehe ich nicht.
In „Herr Lehmann“ hast Du der Figur ja schon viele Charaktereigenschaften und Eigenheiten verpasst. War es dann schwer, Herrn Lehmann in „Neue Vahr Süd“ als jungen Erwachsenen zu schildern?
Man musste sich einfach noch einmal in einen neuen Lehmann reindenken, vor allen Dingen unter dem Aspekt der Unsicherheit. Er ist schon anders. Bei „Herr Lehmann“ ist er knapp 30 und hat sich zu sehr vielen Sachen mittlerweile eine Meinung gebildet. Er hat sich vielleicht aus Selbstschutz ein Bollwerk aus Meinungen zwischen sich und die Realität gelegt. Das ist ganz charmant und schafft viel Komik fast von selbst, weil man zu allem eine Meinung hat, die dauernd widerlegt wird durch das, was passiert. Bei „Neue Vahr Süd“ ist es ganz anders. Da hat er zu überhaupt nichts eine Meinung. Er ist ein unglaublich beobachtender Typ, der versucht, alles gedanklich neu zu erfassen und zu bewältigen. Im Grunde genommen steht er völlig ratlos vor dem Phänomen, dass er um die 20 ist und nicht weiß, wo er hin soll.
Was ist das Schwierigste beim Schreiben?
Anzufangen. (Pause) Der Anfang ist das Schwierigste. Am Anfang fällt es sehr schwer, sich festzulegen. Ich schreibe ja immer Kapitel, die ihren eigenen kleinen Spannungsbogen haben. Bei jedem Beginn eines Kapitels muss man sich stark festlegen. Am Anfang muss man die Figuren erfinden, entwickeln und vorstellen. Wenn man da schlampt oder ratlos ist, dann hat man ein Problem. Man darf nicht pfuschen, sonst wird man später feststellen, dass einem die Geschichte zu dünn wird, das Personal nicht reicht, dass die ganze Entwicklung zu flach ist und dass man die Motivation dieser Leute nicht wirklich nachvollziehen kann.
Mal abgesehen von der Länge des Textes: Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Schreiben eines Romans und dem Schreiben eines Songs?
Das ist wie der Unterschied zwischen dem Schreiben eines Romans und Frühstücken gehen. Oder wie ein Ei aufzuschlagen oder ein Auto zu reparieren. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das hat einfach gar nichts miteinander zu tun, nichts, nullinger.
Und die Ideengebung ist auch nicht die gleiche?
Nein. Beim Songschreiben ist es ja so: Wir haben immer zuerst die Musik. Und da braucht man einfach einen Songtext, damit man etwas singen kann. Natürlich kann man sagen, da hier die gleiche Person am Werk ist, nämlich ich in diesem Fall, ist es irgendwie so, dass da bestimmte Arten von Typen auftauchen. Das kann sein. Aber das hat mit der Sache und mit der Handlung nichts zu tun. Das hat etwas mit mir als an beiden Dingen beteiligte Person zu tun, aber deswegen kann man die Sachen nicht besser vergleichen.
Das letzte „Element of Crime“-Album liegt ja jetzt schon eine Weile zurück. 2001 war es „Romantik“ und dann kamen die zwei Best-of-Alben…
Aber das ist ja keine Arbeit, nicht?
Stimmt. Vermisst Du das Leben als Musiker?
Ja sicher, sehr. Aber wir haben ja dieses Jahr ein paar Konzerte gemacht. Wir haben ja wirklich mal ein Jahr gar nichts gemacht. In diesem Jahr konnte ich dann dieses Buch schreiben. Wir machen auch nicht so oft Platten. Aber natürlich vermisse ich das, und ich war sehr froh, dass wir wieder live gespielt haben. Neuerdings machen wir auch wieder neue Songs, und wir werden im Herbst wahrscheinlich mit einer neuen Platte kommen.
Und das dritte Buch fehlt ja auch noch…
Ja, aber da bin jetzt noch gar nicht. Ich bin so froh, wenn ich jetzt diese Lesung hinter mir habe. Dann ist das mit dem ganzen „Neue Vahr Süd“-Ding mal abgeschlossen. Und erst wenn man was abgeschlossen hat, kann man auch wirklich richtig etwas Neues machen. Und etwas Neues machen heißt in dem Fall dann wirklich „Element of Crime“.
Du hast gesagt, dass Du froh warst, mal wieder als Musiker auf der Bühne zu stehen. Es ist ja in den letzten Jahren so ein bisschen Usus geworden, dass Du auf der Bühne immer „Romantik“ schreist. Und „Romantik“ hieß ja auch das letzte Album. Inwieweit bist Du ein romantischer Mensch?
Na ja, so wie jeder andere Mensch auch. Ich meine, das sind natürlich so Träume. Jeder Mensch hat eine romantische Ader. Und das muss sich ja nicht immer nur auf Liebe beziehen, kann sich auch auf die ganze Sicht der Welt beziehen. Das hat jeder Mensch, ich sehe mich da nicht als besonderen Typen oder so.
Wie kam es denn zu diesem Schlachtruf?
Wir hatten einmal einen „Off-Tag“. Das muss schon Mitte der 90er gewesen sein. Diesen Tag haben wir außerhalb von München in Bad Eiblingen verbracht. Im „Romantik-Hotel Lindner“. Bei so einem „Off-Tag“ haben alle Doppelzimmer, weil man das ja selber bezahlen muss. Da spart man dann ein bisschen Geld – damals war das ja noch wichtig. Es hieß dann immer: „Wer macht mit wem Romantik?“, also: Wer teilt sich mit wem ein Zimmer. Es war eigentlich immer mehr so ein technokratischer Witz. Und da kam auch dieses „Romantik“-Rufen her. Es ist also nicht ganz so inhaltlich programmatisch, wie es vielleicht rüberkommt.
Die Frankfurter Rundschau hat einmal geschrieben: „Sven Regener ist kein Mann, der sich im zweiten Gang ausruht.“ Wenn man jetzt so viel unterwegs ist, also tourt und liest, macht es Dir dann noch Spaß, an solchen Abenden wie heute zu lesen?
Das ist eine gute Sache mit den Lesungen. Es ist wirklich okay. Die Leute amüsieren sich prächtig, das funktioniert in der Regel. Gut, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, vielleicht ist es heute Abend ja anders, aber das hat bis jetzt alles wunderbar geklappt. Und man kann das Buch so vielleicht auch noch einmal auf eine spezielle Art beleuchten. Aber ich muss auch ehrlich sagen: Im Unterschied zum Musikmachen und mit der Band auftreten, was wirklich mein Leben ist, könnte ich mir gut vorstellen, den Rest meines Lebens keine Lesungen mehr zu machen, ohne darunter besonders zu leiden.
Ist es die Einsamkeit?
Nee. Es ist einfach nicht mein Ding. Ich meine, ich mache das gern, aber ich habe das damals eigentlich nur angefangen, weil ich damit beim Verlag im Wort war. Ich bin kein Vortragskünstler, ich bin Musiker. Und vielleicht auch Schriftsteller, das ist noch einmal etwas Anderes. Und das entwertet das auch nicht, was hier läuft. Das ist eine super Sache und es funktioniert, und macht mir ja auch Spaß bis zu einem gewissen Grad, aber ich war nie so ein Tourneefreak. Ich bin gerne zu Hause. Und ich fühle mich bei einer Tournee, wo ich Musik mache, viel mehr dafür entschädigt, dass ich nicht zu Hause bin. Das finde ich befriedigender. Aber wie gesagt: Das wäre komisch und kokett, wenn man jetzt sagen würde, es wäre blöd, hier zu lesen. Ich find das völlig in Ordnung und das ist auch für alle Beteiligten eine feine Sache. Ich bin auch sehr privilegiert: Es kommen sehr viele Leute, ich verdiene viel Geld, ich habe ein gutes Hotel. Das ist ´ne ganz feine Sache.
