Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

Telefongeflüster nach Taipeh

Mit Deke Lautenschläger (28), die zur Zeit in Taipeh lebt, sprach Kay Heimann.

Warum lernst du gerade chinesisch?
Ich liebe Asien und die Mentalität: diese Freundlichkeit und dieses „Zeit-Haben“, gemeinsam Essen, die Tempel und Nachtmärkte. Die Schriftzeichen und besonders der Klang der Sprache sind sehr schön. Im chinesischen erzählen viele Wörter oder Zeichen eine Geschichte, z.B. heißt Computer wörtlich übersetzt „elektrisches Gehirn“. Die Tonhöhen sind am Anfang eine ganz schöne Herausforderung, aber sobald man den „Dreh“ raus hat, macht es wirklich Spaß die Wörter in den Tonhöhen zu sprechen. Es ist für mich jedes Mal ein Erfolgserlebnis, wenn ich mit Chinesisch eine Situation gemeistert habe und mich verständigen konnte.

Warum in Taipeh und nicht zum Beispiel in Singapur, wo du auch schon ein Praktikum beim ARD-Studio gemacht hast?
Neben Singapur habe ich auch schon Bangkok und Hongkong gesehen. Für mich hat sich aber die Frage gestellt: Kann ich dort für länger leben? In Hongkong und Bangkok mag ich die Atmosphäre nicht – es ist NUR Großstadt. Taipeh hat etwas von Berlin: es gibt kein wirkliches Zentrum mit vielen Hochhäusern, sondern es ist mehr wie Leipzig – nur eben größer. Außerdem habe ich Taipeh gewählt, weil die Sprachkurse in der Universität hier einen sehr guten Ruf haben. Und in Taipei lässt es sich sehr gut aushalten!

Wie sieht ein typischer Tag von dir aus?
Ich stehe meistens um 6.30 Uhr auf und wiederhole Vokabeln oder erledige Hausaufgaben. Wenn ich um 8 Uhr durch die offene Balkontür den Pausengong der Uni höre, stürze ich los zum Unterricht. In 3 Minuten bin ich im Klassenzimmer. Dort sitzen meistens schon 4-6 Schüler und lernen. In meiner Klasse sind drei Koreaner, zwei Vietnamesinnen, ein Schweizer, eine Japanerin, ein Thailänder und ein Indonesier. Alles im Klassenzimmer läuft natürlich nur auf chinesisch ab – auch Gespräche mit den Mitschülern, denn nur wenige können hier Englisch. Nach dem Unterricht gehe ich nach Hause und schlafe eine Stunde. Dann setze ich mich an die Hausaufgaben und ans Lernen – pro Tag sind es im Durchschnitt 12-15 neue Wörter. Ein neues Wort bedeutet aber ein-zwei neue Schriftzeichen und auch die Aussprache lernen – 5 Tonhöhen. Ca. 17.30 mache ich mich auf den Weg entweder zu meinem Nebenjob: Deutsch unterrichten oder zu meinem Language-Exchange, d.h. ich treffe mich mit einer Taiwanesin und wir sprechen eine Stunde Chinesisch und eine Stunde Deutsch. Danach geht nichts mehr in meinen Kopf. Ich sitze dann mit meiner Mitbewohnerin Natalija aus Slowenien zusammen und quatsche oder wir sehen einen Film – das dann alles auf Englisch.

Was ist die größte Umstellung für dich?
Ich kann mich wirklich den ganzen Tag darauf konzentrieren, die Sprache zu lernen. Am Anfang war das schon komisch. Ich habe gedacht: und das war es jetzt, NUR Chinesisch lernen, weiter nichts den ganzen Tag? Füllt mich das aus? Natürlich wusste ich damals auch, dass es viel Aufwand werden würde und so ist es auch. Trotzdem war es ungewohnt, sich wirklich nur mal einer Sache zu widmen und nicht noch tausend andere Aufgaben zu haben, wie im stressigen Alltag zuhause als Selbständige. Ich hätte nie gedacht, wie sehr es Spaß machen kann, eine Sprache zu lernen.

Was ist dir schon passiert, wo du sofort lachen musst, wenn du daran denkst?
Das Haus in dem mein Appartement ist, hat „Wachmänner“. Das sind eher alte nette Herren, die eben aufpassen, dass keine fremden Leute ins Haus kommen. Wenn ich das Haus verlasse, winken sie immer und passen aber auch genau auf, ob ich zum Beispiel einen Schirm mithabe, wenn es regnet. Wenn nicht, rufen sie mich zurück und sagen mir, dass ich doch besser ihren Schirm mitnehmen soll. Das ist typisch taiwanesisch: Das Bemuttern. Die Älteren wissen es immer besser, da braucht man gar nicht zu diskutieren. Das kann zwar lästig sein, aber meistens ist es sympathisch und sehr liebenswert.

Was hat dich bisher am meisten beeindruckt?
Was mich jedes Mal wieder beeindruckt, sind Naturereignisse wie Erdbeben und Taifune und wie die Taiwanesen darauf reagieren. Auch wenn es nun fast an der Tagesordnung ist, bricht trotzdem immer Panik aus. Mein erstes Erdbeben werde ich nie vergessen – solange es nur ein kleines, harmloses ist, macht es sogar Spaß, wenn im 10ten Stock das Haus mitschaukelt, die Türen schwingen, die Tassen in den Schränken klappern und man steht da und kann nichts tun. Es ist wirklich unbeschreiblich, so eine Naturgewalt zu spüren, und ich denke Tage danach noch an diese paar Sekunden.

Was vermisst du am meisten?
Käse und deutsche Schokolade, wenn es ums Essen geht. Dafür habe ich hier aber eine große Auswahl an Früchten… Sonst fehlt mir hier im dicht bevölkerten Taiwan auch mal Platz und Natur: hier geht eine Stadt in die nächste über und überall sind viele Menschen. Was mir auch fehlt, ist mal ganz normal durch die Straßen zu gehen ohne angestarrt zu werden. Hier falle ich schon auf als „westlich aussehender Mensch“ und da wird man nicht nur von kleinen Kindern angestarrt sondern auch richtig lange und ausdauernd von Erwachsenen. Was mir auch fehlt, ist: einfach mit Freunden mal in einem Cafe rumzuhängen und draußen zu sitzen. Und meine Familie, aber das geht, wie sang REM „It´s easier to leave, then to be left behind“ und Internet und Telefon gibt’s ja auch noch.

Und was fehlt dir gar nicht?
Deutsches Fernsehen, deutscher Pessimismus, Quengelei und Hektik. Dieses: „Mir geht es schlecht, aber ich kann ja eh nichts ändern“. Ich glaube, wir Deutsche sind einfach zu verwöhnt. Wir sollten uns viel öfter in Erinnerung rufen, dass es uns, am Elend in vielen anderen Gebieten der Erde gemessen, unvorstellbar gut geht.

Kannst du dir vorstellen, für immer in Taipeh zu leben?
Nein, aber ich kann mir im Moment nicht vorstellen, an irgendeinem Ort länger zu bleiben. Aber ich suche. Denn es ist schon manchmal nervend aus dem Koffer und von Flugticket zu Flugticket zu leben. Aber manchmal gibt es diese Augenblicke, wenn ich irgendetwas ganz Außergewöhnliches erlebe, wo ich denke: „Ich möchte nichts anderes machen, ich möchte nicht anders leben“. So muss ich unbedingt noch eine längere Reise durch Indien, China, Tibet und Nepal machen. Trotzdem überwiegt aber der Gedanke sich irgendwo mal niederzulassen. Vielleicht Berlin, aber auch Stockholm, Amsterdam und so weiter würden mich mal interessieren. Ich glaube ich bin zu sehr Europäerin, um den Rest meines Lebens außerhalb Europas zu verbringen.

Und wie geht es für dich jetzt weiter?
Ich will bis Ende Januar 2006 hier bleiben, dann ist ein Jahr herum. Das wird nicht bedeuten, dass ich fließend und akzentfrei chinesisch kann – das wäre eine Lebensaufgabe. Ich will auf jeden Fall weiter daran arbeiten, aber woanders.

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