„Meine Intention ist, dass man einen geistigen roten Faden bekommt“
Mit Michael Kölmel (51), Kinowelt-Gründer und neugebackener Uni-Dozent, sprach Robert Nößler.
Herr Kölmel, im kommenden Wintersemester werden Sie am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft (IfKMW) der Universität Leipzig ein Seminar zum Thema “Ökonomie des Filmgeschäfts” halten. Wie ist es dazu gekommen?
Auf den Medientagen hat mich Professor Rüdiger Steinmetz angesprochen, ob ich an so etwas Interesse hätte. Ich fand das Angebot sehr interessant, da ich ja selbst relativ lange an der Universität tätig war. Es ist natürlich auch eine intellektuelle Aufgabe für mich.
Ist das Seminar ihr erstes Engagement als Dozent an einer Hochschule?
Ich habe nach meiner Uni-Zeit ab und zu Vorträge gehalten und war auch nach dem Mathematik-Studium noch an der Universität aktiv. In Volkswirtschaft habe ich ja meine Doktorarbeit geschrieben. Danach habe ich mich aber von der Universität entfernt. Ich hatte eher Gefallen daran gefunden, außerhalb der Uni zu arbeiten.
Werden Sie die Veranstaltung alleine durchführen oder haben Sie einen Assistenten, der ihnen zur Seite steht?
Laut Professor Steinmetz wird mich von der Uni-Seite noch eine Person unterstützen. Es geht dabei vor allem um das fehlende “Handling”, weil ich ja nicht mehr weiß, was da alles gefordert wird. Ich habe in der Firma zudem noch jemanden, der mir zur Seite stehen wird. Die Hausarbeiten werde ich aber auf jeden Fall selber lesen.
In der Filmbranche haben Sie eine Kariere mit viel Licht und Schatten hingelegt. Was erwartet die Studenten in dem Seminar und was werden sie von Ihnen lernen?
Ich will zunächst versuchen, die Basics der Filmbranche zu vermitteln. Was ich natürlich zusätzlich anbieten kann, ist, dass man das auch als Fallstudie an Kinowelt diskutiert. Es geht also auch darum, welche Überlegungen hinter so etwas stecken. Meine Intention ist, dass man das Ganze als eigenen Baustein betrachtet, also von der Uni weggeht und einen geistigen roten Faden bekommt für eine spätere berufliche Tätigkeit. Da will ich einen winzigen Beitrag leisten, weil ich eben beide Seiten kenne, sowohl die Universität als auch die Praxis.
„Ich war gerne in der Schule und der Uni“
Also bekommen die Studenten auch einen Einblick in das Unternehmen Kinowelt?
Ja, ich bin da relativ offen. Die Studenten sollen sehen, was das alles im Konkreten heißt. Also: Wie laufen Filme? Was kostet was? Wo sind Risiken? Wo treffen wir bestimmte Entscheidungen? Das wird ihnen so ermöglicht.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit ihrer Studienzeit?
Ich war gerne in der Schule und ich war auch gerne an der Uni. Was ich nicht bereue, ist, dass ich nach dem Diplom noch länger an der Uni war und ich merke im Nachhinein, dass die Zeit nach der Doktorarbeit die produktivste für mich war. Da hatte man ein bestimmtes Standing. Man war akzeptiert, weil man diverse Abschlüsse hatte. Damals habe ich auch das Meiste an der Uni gemacht, weil ich relativ frei war. Schließlich hatte man früher nach dem Studium noch unheimlich lange Zeit, sich selbst zu finden. Ich kann mir vorstellen, dass der Druck heute größer ist, also dass man meint, in kürzester Zeit das finden zu müssen, was einem dann auch die entsprechenden Möglichkeiten eröffnet. Aus einer ganz spontanen Entscheidung heraus bin ich dann von der Uni weggegangen. Ich habe immer auf die entstehende große Bibliothek in Göttingen geschaut, bei der es irgendwann mal einen Mittelstopp gab. Die Bibliothek, die gerade so aus der Erde guckte – die Kellerräume waren schon fertiggestellt –, wurde mit Dachpappe überzogen. Da habe ich mir gesagt, das kann doch nicht sein, und bin schließlich von der Uni weggegangen.
Was erwarten Sie von ihren Studenten?
Ich bin zunächst einmal neugierig. Ich bin neugierig, was die Studenten von mir erwarten und wie das heutzutage alles so abläuft. Natürlich bereite ich mich ernsthaft auf das Seminar vor. Für mich ist das eine Herausforderung.
Wo sehen Sie sich persönlich und ihre Firma in fünf bis zehn Jahren?
Ich persönlich schaue noch nicht so weit in die Zukunft. Für die deutsche Medien- und Filmbranche ist das derzeit eine Zeit der Depression. Ich bin ganz froh, dass wir mit Kinowelt im Moment praktisch perfekt positioniert sind, weil wir 1998 sehr stark auf die DVD gesetzt haben. In den Kinos und im werbefinanzierten Free-TV gehen die Umsätze zurück. Die DVD ist im Filmbereich deshalb so etwas wie ein sicherer Hafen. Die Arbeit macht auch Spaß, weil viel redaktioneller Inhalt damit zusammen hängt. Ich glaube, dass das in den nächsten fünf Jahren so weiterlaufen wird. Wir waren bei der DVD ganz am Anfang dabei und ich sage, wir werden auch bis zum Schluss dabei sein.
Der Umsatz der Kinowelt ist in den letzten Jahren gestiegen, ebenso der Gewinn. Würden Sie sagen, in Ihrem Geschäftsfeld ist die Konjunkturschwäche eher weniger zu spüren oder sind Sie betroffen wie alle anderen Branchen auch?
Wir sind genauso betroffen wie alle anderen Branchen auch. Wo es unheimlich stark einschlägt, ist bei den Kinos. Man kann zwar darüber diskutieren, ob es an den Filmen liegt – das ist auch der Fall. Aber es liegt sicher auch an der Konsumzurückhaltung.
Spaß am Diskutieren über Filme
Raubkopien sind bei Filmen nach wie vor ein Problem. Wie weit ist Kinowelt davon betroffen? Würden Sie sagen, das hier noch mehr Handlungsbedarf besteht?
Unsere Firma ist da nicht so sehr geschädigt. Wir machen einen großen Teil des Umsatzes mit älteren Filmen. Bei Raubkopien sind eher neuere Filme betroffen. Was ich nicht so ganz verstehe, ist, dass man gerade dort nach Raubkopierern sucht, wo man eine treue Zielgruppe hat, nämlich in den Kinos. Dort sitzen ja gerade die Leute, die das nicht praktizieren, sondern ins Kino gehen. Mich ärgert mehr, dass an der tschechischen Grenze Raubkopien von DVDs verkauft werden, auf denen sogar unsere Firmenadresse steht.
Was reizt Sie eigentlich am Geschäft mit Filmen und speziell Filmrechten?
Ich habe immer Spaß daran gehabt, über Filme zu diskutieren. Vor allem die emotionale Seite, die Filme transportieren, machen für mich dabei den Reiz aus.
Was verbindet Sie persönlich mit Leipzig?
In Leipzig habe ich mich 1994 am Grassikino und etwas später am Passage-Kino mit 50 Prozent beteiligt. Im Jahr 2000 haben wir dann die Zusage für den Bau des neuen Zentralstadions bekommen, was ja eine große Aufgabe war.
Können die glücklichen Seminarteilnehmer auf WM-Karten in Leipzig hoffen?
Sicherlich nicht, denn das liegt nicht in meinem Ermessen. Wir sind ja nur der Vermieter des Stadions. Wenn Sie Vermieter eine Wohnung sind, können Sie ihre Party ja auch nicht in der Wohnung feiern, die Sie vermietet haben. Nein, im Ernst, die WM ist eine sehr aufwändige Veranstaltung. Da bin ich froh, wenn ich selber irgendwie an Karten komme.
