Der Leipziger

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Magenta-Knicklichter im Nieselregen

Von Philipp Brandstädter

Es ist der Tag vor der großen Endrunden-Auslosung. Ein halbes Jahr vor Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft nahmen über 35.000 Menschen als kurzzeitige „WM-Botschafter“ an der größten Telekommunikationswerbekampagne der Leipziger Geschichte teil. So wurden die insgesamt 32 Mannschaften bei der Fifa-WM 2006 in der ganzen Innenstadt von einer riesigen Menschenkette mit magentafarbenen Gummiwinkhänden begrüßt. Es sind Menschen, die für die Chance, ein WM-Ticket zu gewinnen, auch mal im Regen stehen.

In mühevoller Detailarbeit hatte man für den so genannten „Welcome Day“ einen etwa 4.000 Meter langen Rundkurs zwischen Zentralstadion, Hauptbahnhof und Thomaskirche mit Bauzäunen weihnachtlich dekoriert, diese dann mit Flaggen, Bannern und Wimpeln behängt und schließlich einen Endlos-Tesafilm in sattem Magenta auf den verregneten Asphalt geklebt. Auf herzliche Einladung der Stadtverwaltung durfte der am Abend von möglichst vielen Besuchern zertrampelt werden, die sich als „größtes Nationalteam aller Zeiten“ ablichten ließen.

Ein kleines bisschen Stolz

Um Punkt 17 Uhr jagt eine lokale Radiostation bei Nieselregen 150 Dezibel Gutelaunemusik durch die Gassen und läutet den breit angekündeten Event ein: Eine riesige Straßenparty feiern. WM-Botschafter im „Team der Vorfreude“ sein. Die Welt zu Gast bei Freunden. Die Freunde stecken bereits in magentafarbenen Gummiwinkhänden zum Aufpusten und tragen ein magentafarbenes Knicklicht um den Hals.

Stefanie Kraus ist erst vor kurzem in die Leipziger Südvorstadt gezogen. Aber sie erklärt, dass man nicht hier geboren sein muss, um „schon ein kleines bisschen stolz“ zu sein, dass sich gerade Leipzig für die Auslosung der WM-Gruppen durchsetzen konnte. Durchsetzen werde sich im Übrigen auch die deutsche Mannschaft gegen ihre internationale Konkurrenz auf dem grünen Rasen – davon ist jedenfalls der ehemalige Tischtennisprofi Wolfgang Hut aus Mockau überzeugt. Außerdem glaubt er zu wissen, dass man größere Chancen auf ein Bändchen für die Teilnahme an der Ticketverlosung hat, wenn man sich beim Informationsstand einer möglichst schwachen Fußballnation anstellt.

Gegenüber der Thomaskirche hat das Team, das Holland repräsentiert, noch jede Menge Losbändchen zu verteilen. Die letzten fünfhundert Winkhände und Knicklichter gibt es gratis dazu. Hier decken sich auch Leipziger D-Junioren um Betreuer Thomas Heinze mit Magenta ein. Der Großteil der Jugendmannschaft ist vom Losglück der deutschen Nationalfußballer überzeugt. Nur Felix macht sich ernsthafte Sorgen, denn „wenn Deutschland gegen die Türken spielen muss, dann gibt’s auf den Straßen überall Kloppe.“ Ein Team vom Rundfunk kann Felix trösten, da sich die Türkei ja gar nicht qualifiziert hat. Dann sollen die Nachwuchskicker Sprechchöre grölen.

Prominenz und platte Nasen

Derweil hat Partylaune die Gottschedstraße überflutet: In Massen strömen die Fußballfans aus den Straßenbahnen zum Info-Stand von Deutschland und Brasilien, wo sich Horden von Kamerateams auf der Jagd nach noch mehr putzigen Kindern, bunt angemalten Tänzerinnen und zahlreich erschienenen Promis in ihre Kabelkilometer einwickeln.

Das Trio eines japanischen Fernsehsenders stolpert ohne Deutsch- und Englischkenntnisse irritiert durch die zähe Menschenmasse und scheint sich dabei herzlich wenig zu amüsieren. Ganz im Gegensatz zu dem Dutzend Brasilianer, die gerade in Deutschland Urlaub machen und vor Ort beschließen, mal eben noch den Leipziger „Welcome Day“ zu besuchen. „Germany has a strong team with great football players“, versichern sie, stellen aber gleichzeitig klar, dass Ballack und Co. spätestens im Finale wieder von den südamerikanischen Ballzauberern nass gemacht werden.

Vor der „Chocolate“-Bar, in der die deutsche Prominenz Zuflucht gefunden hat, drücken sich die Mädchen an den Schaufenstern ihre gepuderten Nasen platt und bemühen sich um die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Stars. Götz Otto, Daniel Brühl und Jürgen Vogel haben Pech und werden kurz vor dem Eingang von ZDF, Radio NRJ und Reuters abgefangen und mit Plüschmikrofonen attackiert.

Schließlich setzt sich der Kamerawagen in Bewegung, um die Menschenkette zu filmen. Eine Glühweinleiche wird vom Bordstein geholt und der zugehörige Begleiter mit der frischen Platzwunde über dem Auge in die dritte Reihe verwiesen. Im Abschnitt Togo schließen sich die letzten Lücken und auch die Scherzkekse am Westplatz reihen sich artig in Leipzigs Menschenkette ein, anstatt sich weiter mit Straßenbahnen anzulegen.

Winke, winke, WM-Ticket

Die Flutlichter stellen ihre Lichtflutung ein und im Eilverfahren werden die WM-Tickets verlost. Ein gestandener Mann kann seine Freudentränen nicht zurückhalten, weil seine Frau die magentafarbene Glücksnummer am Arm trägt. Ein Student nimmt seinen Gewinn eher verhalten zur Kenntnis, weil er den Hass erfüllten Neid seiner Kommilitonen befürchtet. Minuten später haben die Massen schon das Feld geräumt und die Stadtarbeiter beginnen damit, die Innenstadt von Gummiwinkhänden zu befreien.

Nur die WM-Paarungen sind immer noch nicht ausgelost. Und die Leipziger WM-Vorfreude geht in nur 24 Stunden in die nächste Runde.

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