Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

Tirolerhut und ein guter Schuss Vernatsch

von Sebastian Schneider

Sein Geheimnis hütet er wie einen Schatz. Wer Willi Wenin nach dem Rezept seines Glühweins fragt, erntet allenfalls ein Schmunzeln. Der 47-jährige Südtiroler mit dem Gesicht einer geschnitzten Holzfigur steht in seiner Bude auf dem Augustusplatz und kommt mit dem Verkaufen kaum noch nach. „Servus, griaßts eich“, es ist Freitagabend auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt und natürlich wollen die Leute Glühwein. Sehr viel Glühwein. Und besonders Willi Wenins Südtiroler Mischung für 1,50 Euro den Becher. Wahlweise auch mit einem Schuss Amaretto oder Rum, dann aber für einen Euro mehr. Zwar verkaufen er und sein Kollege Stefan auch andere Spezialitäten aus ihrer Heimat, wie Speck, Käse oder Jagertee, aber die meisten Kunden wollen doch nur eins: Willi Wenins Glühwein – was könnte einen Bummel über den Weihnachtsmarkt auch besser versüßen?

Wie das Geschäft läuft? „Hörst du Junge, ich bin eigentlich immer zufrieden, man kann es eh nicht ändern“, ruft er mit seinem kantigen Akzent hinter dem Tresen hervor. Klingt ziemlich bescheiden, dafür dass ihm pausenlos irgendwer einen Becher zum Nachfüllen hinhält. Das sei kein Grund zum Abheben, erklärt der Fachmann, „das Glühweingeschäft fängt dafür erst abends richtig an.“ Im Gespräch mit einer jungen Kundin lobt Wenin die Vorzüge seines Glühweins. Der sei perfekt zum Zulangen, drei oder vier Becher zu trinken, kein Problem. Am Morgen kein Kater, gar nichts, verspricht er. „Da sagt meine Erfahrung aber was anderes“, lacht die Frau. Aber Willi Wenein bleibt dabei.

Eigentlich nur ein Nebenjob

Zum vierten Mal steht der Tiroler mit seiner Bude schon auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt. Glühweinverkaufen ist für ihn nur ein Nebenjob. In Meran besitzt er eine eigene Metzgerei und betreibt einen Imbiss. Als „Würstl Willi“ verkauft er den Touristen seine Bratwürste. In der Vorweihnachtszeit ist in der 33.000-Einwohner-Stadt allerdings wenig los, und nach einem Besuch in Leipzig vor vier Jahren bewarb er sich kurzerhand um einen Standplatz auf dem Weihnachtsmarkt. „Ich habe mich hier einfach wohl gefühlt, und mochte die Stadt von Anfang an“, grinst er unter seinem Tirolerhut hervor. Wenn Wenin erzählt, dass er Leipzig gern hat, kann er trotzdem nicht recht beschreiben, was genau er an der Stadt eigentlich schätzt. Seine vielen Bekannten spielen wohl die größte Rolle: Er erzählt von Leipziger Freunden, die ihn im Sommer in Meran besuchen. Von seinen Rundgängen auf dem Weihnachtsmarkt vormittags unter der Woche, bei denen er sich für jeden Plausch genügend Zeit nimmt. Dass er so viele bekannte Gesichter sieht, wenn er durch die Stadt spaziert und ihn das glücklich macht.

Und die Fan-Gemeinde des Tirolers wächst von Jahr zu Jahr. Mit seinem Glühwein hat er kürzlich sogar für Schlagzeilen gesorgt. Bei Leipzigs „härtestem Glühweintest“, durchgeführt von den Experten der BILD Leipzig, hat Willi Wenin grandios abgeräumt. Während andere Amateure für „billigen Fusel“ gescholten wurden, verkaufte er „himmlischen Genuss“ und steht mit der Bewertung von sechs Glühweinbechern klar auf Platz eins. Stolz hängte er den Artikel an seine Theke. Nachdem die Zeitung da war, sei auch noch das Fernsehen gekommen, „RTL oder irgendwas.“ Und das habe trotz allem Radau viele Kunden gebracht, sagt Wenin.

Das Geheimnis heißt Vernatsch

Ob er nicht vielleicht doch einen kleinen Tipp geben könnte, was seinen Glühwein so besonders macht? Plötzlich gibt er etwas preis: Der Glühwein habe als Grundlage einen Südtiroler Vernatsch-Wein. Der werde nach altem Rezept mit Gewürzen versetzt und aufgekocht. Das alles müsse in einem sterilen Raum unter strenger italienischer Amtsaufsicht geschehen, ähnlich wie bei einer Schnapsbrennerei. Hergestellt werde er komplett in Südtirol, alle vier Tage per Spedition aus Italien nachbestellt, wenn Wenin auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt verkaufe. „Im Grunde ist das Rezept einfach natur, mehr braucht es gar nicht. In einen guten Glühwein darf nicht allzu viel Schnickschnack herein.“ Mehr verrät er nicht. Der Laie bemerkt sowieso nur, dass der Wein ungewöhnlich süß schmeckt. Dadurch unterschätzt man schon mal den Alkoholgehalt von über zehn Prozent.

Es ist inzwischen kurz vor acht Uhr abends. Willi Wenins bester Stammkunde steht am Start. Er kommt „im Schnitt viermal die Woche und trinkt jedes Mal so zehn bis zwölf Becher Glühwein“, erzählt Wenin. Auch an diesem Abend lassen sich der Glühweinliebhaber und einige seiner Spießgesellen nicht lumpen, sie prosten eifrig zur Theke. Wenin sorgt für Gelächter, lapidar erzählt er: „Mein Großkunde dort ischt Fotograf bei der BILD.“ Die illustre Runde einigt sich schließlich eine halbe Stunde nach Thekenschluss sonor lallend auf die tiefgründige Feststellung: „Willi ist der letzte Südtiroler in Leipzig!“ Und die angetrunkene Leutseligkeit ist fast greifbar. Jetzt würde wohl jeder der Anwesenden Willi am liebsten nur noch auf die Schulter klopfen. Willi nickt seinen Gästen freundlich zu, Willi lacht über ihre Witze, Willi hört sich interessiert ihre Geschichten an, Willy ist einer von ihnen. Und in diesen Momenten ist jeder hier Willis Kumpel. Das muss wohl so sein.

1 Comment

  1. grandios!!! bravissimo!! ich halte es nicht aus!! mehr gibt es nicht zu sagen.

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