„Denkmalschutz ist Verhandlungssache“
von Luise Strothmann
Leipzig an einem Montag im Januar, Morgensonne und gefühlte minus vier Grad. Gute Bedingungen für einen Spaziergang durch Deutschlands Denkmalhauptstadt. Rund 15 000 Bauten stehen in Leipzig unter Denkmalschutz, die Stadt kann sich mit dem größten Altbaubestand der Bundesrepublik brüsten. Superlative, die schnell zum Alltag werden. Höchste Zeit sie mal in Ruhe zu betrachten. Zu Fuß. Unterwegs auf Leipziger Denkmalpfaden. Der Weg beginnt am Friedhof, Adresse: Jahnallee 25. Hier ist die Kleine Funkenburg begraben. Das Abrissunternehmen hat gute Arbeit geleistet. Wer sich nicht auskennt, findet kaum einen Hinweis auf das vorgründerzeitliche Palais. Aber man kann sich durchfragen, die Leute erinnern sich alle: „Genau hier hat sie gestanden“.
Nun steht hier nichts mehr. Es liegt nur noch einiges. Schuttberge, Holzstapel, Drähte, die letzten Sivesterknaller, Müll. Auf Gräber legt man Tannenzweige. Jemand hat einen Weihnachtsbaum in die Bauabsperrung geworfen. Noch vor einem Jahr sah man hier Eindrucksvolleres: Ein Bau von 1850. Spätklassizismus. Im Inneren Stuck, Holztreppe, Dielen, verzierte Türen und Beschläge. Nun nichts mehr. Das Kapitel Funkenburg ist das denkmalschützerische Trauma der Stadt. Spricht man mit Experten über Denkmalschutz in Leipzig spricht man über die Funkenburg. Sie zieht sich wie ein Gespenst zumindest im Hintergrund durch alle Gespräche.
Maulkorb für die Denkmalpflege?
Die Geschichte ist oft gehört und schnell erzählt: Die Stadt plante eine Verbreiterung der Jahnallee, die Funkenburg war im Weg. Lösung: Abriss. Der vorhersehbare Protest folgte zwar, blieb jedoch ohne Folgen. Gutachten zur überregionalen Bedeutung des Denkmals, kritische Stimmen aus den zuständigen Behörden, Unterschriftenaktionen, Klage, Sitzstreik auf der Baustelle – alles umsonst. Im Mai letzten Jahres rückte die Abrissbirne an. Dr. Thomas Nabert, Geschäftsführer des örtlichen Städtebauvereins Pro Leipzig, meint heute: „Das Ganze hat auch etwas Gutes: Es hat einen gewissen Schock ausgelöst und man wird also in Zukunft wieder vorsichtiger sein.“ Der Schock besteht darin: Die Stadtverwaltung will etwas. Die unteren Instanzen der zuständigen Denkmalschutzbehörden sind dagegen. Die unabhängigen Fachinitiativen sind dagegen. Die Mehrheit der Leipziger Bürger ist dagegen. Die bedeutendsten Leipziger Künstler und Intellektuellen sind dagegen. Die Leipziger Lokalmedien sind dagegen. Nahezu jeder, der in Deutschland von dem Fall erfährt, vom Nicht-Leipziger Denkmalschutzexperten bis hin zum überregionalen Medium, ist dagegen. Und doch wird es gemacht.
„Herr Lütke-Daldrup ist wohl ein Mensch, der nicht gerne seine Meinung ändert“, resümiert Niels Gormsen, früherer Baudezernent von Leipzig und jetzt Ortskurator der deutschen Stiftung Denkmalschutz. Baudezernent Engelbert Lütke-Daldrup ist seit der Funkenburg-Geschichte ein rotes Tuch für Leipzigs Denkmalschützer. Und das vor allem, weil die Entscheidung trotz offensichtlicher Opposition kein Ergebnis eines diskursiven Prozesses war, sondern von oben diktiert wurde. Dabei wird über zweifelhafte Mittel gemunkelt; Nils Gormsen: „Ich behaupte, dass die Denkmalpfleger der Stadt einen Maulkorb bekommen haben.“ Die Gründe der städtischen Seite für das Beharren auf ihrem Konzept bleiben weitgehend im Dunkeln. „Anfangs hat man gesagt, sonst bekommt man keine Fördergelder, aber ein halbes Jahr vor der Entscheidung änderten sich die Förderrichtlinien, es hätten sogar Mittel bereitgestanden, die Funkenburg mit Hilfe öffentlicher Gelder zu sanieren“, sagt Thomas Nabert.
Adresse der Bedeutungslosigkeit
Für das Ausgangsproblem, die Jahnalleeverbreiterung, schlugen unter anderem die wichtigste städtische Denkmalschutz Plattform Stadtforum e.V. und die deutsche Stiftung Denkmalschutz bauliche Kompromisse vor. „Aber es gab nie eine fachliche Diskussion“, erinnert sich Wolfram Günther vom Stadtforum. Fachliche Diskussionen zum Denkmalschutz scheinen in Leipzig durch den geringen Einfluss der zuständigen Fachbehörde erschwert. Nabert findet klare Worte: „Die Denkmalbehörden sind in erster Linie Streiter für die Baudenkmäler, aber sie haben einfach nichts zu sagen. Die sind in der Hierarchie i
Leipzig gerade in den letzten Jahren in die Bedeutungslosigkeit gedrängt worden.“
Adresse der Bedeutungslosigkeit ist die Prager Straße 26. Abteilung Denkmalpflege des Amts für Bauordnung, Leiter Norbert Baron. Die Frage, ob er in seiner Position vor allem Diplomat sei, beantwortet er mit Ja. „Natürlich ist Denkmalschutz immer Verhandlungssache.“ Von der Verhandlungssache ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Verhandlungsmasse. Gesetze und Bestimmungen sind vage, alles ist möglich. Denkmalschutz gilt als gern gesehenes Extra, wenn alle anderen Interessen beachtet sind. Die Stadt sei ja froh über jeden Investor und wolle den dann auch nicht übermäßig belasten, skizziert Nabert das Problem. Das führt allerdings in Leipzig dazu, dass Nabert im Angesicht der Ergebnisse das Gefühl bekommt, „die öffentliche Hand nutzt die Spielräume, die sie hat, nicht aus“. Man ist ja hierzuorts auch verwöhnt mit Baudenkmälern. Ganze Straßen stehen unter Denkmalschutz. Und man wohnt eben darin. Nach der Wende wurde sehr viel unter Schutz gestellt, jetzt hört man gelegentlich Stimmen, die ein Zurückrudern fordern.
Geisterstraße und Denkmal-Hospiz
Kann eine Stadt zu viele Baudenkmäler haben? Der Funkenburg-Abrissplatz wird jetzt links liegengelassen. An stuckverzierten Fassaden vorbei geht es durch die Jahnallee zur Friedrich- Ebert-Straße. Wenn das gerade der Friedhof war, ist dies das Hospiz. Eingeschlagene Fensterscheiben, Fassaden von denen der Putz abblättert, Stützbalken in den Fenstern, verrammelte Eingänge. Wenn ein Blick ins Innere der Häuser möglich ist, sieht man Müll, demolierte Briefkästen, ausgehängte Türen. „Geisterstraße“ sagen manchen Leipziger schon zur Friedrich-Ebert-Straße. Hier würde ja keiner mehr wohnen. Ein paar gibt es schon noch. Die Stadt wollte die Straße verbreitern, dafür war der Abriss der Altbauten geplant. Hausbesitzern wurde die Renovierung verboten. Der Plan der Straßenverbreiterung ist Geschichte. Aber die Friedrich-Ebert-Straße verfällt weiter. Die Nummer 81 ist ein imposanter Bau mit reichverzierter Fassade. Noch. Die Spuren der Verwahrlosung sind unverkennbar. Am Gerüst, das Passanten vor herabfallenden Gebäudestücken schützen soll, hängt ein Transparent des Stadtforums mit der Aufschrift: „Denk mal?! Arroganz zerstört unsere Stadt.“ Am Westplatz angekommen blickt man auf Plattenbauten. Weg hier und woanders hin.
In die Innenstadt. Immer dem stärksten Baulärm nach, dann kommt man direkt zur Karstadt-Baustelle. Das Gebäude erinnert ein bisschen an den verhüllten Reichstag. Weiß verpackt, das Gerüst schimmert hindurch. An den Stellen, wo etwas von der Gebäudefront offen liegt, blickt man auf eine Altbaufassade von 1914. Schaut man dahinter, sieht man, wie gerade neue, rohe Betonwände entstehen. „Entkernung“ heißt das Schlagwort, ein Trendbegriff in der Denkmalschutzdebatte dieser Tage. Ein Begriff mit bitterem Beigeschmack jedoch, denn er bedeutet: Fassade erhalten, Innenraum abreißen. Harald Stricker, Professor für Denkmalpflege an der HTWK, meint zu vielen Fällen der Aushöhlung: „Wenn man einen Neubau hat und davor wie eine Kulissenwand oder eine Tapete die Fassade stellt, ist das kein Denkmal mehr.“ Und doch gilt die Entkernung im modernen Verhandlungsdenkmalschutz oftmals als Kompromisslösung.
Abreißen oder neu bauen?
So auch im Fall Karstadt. „Natürlich ist das keine befriedigende Lösung, aber es ist immer noch besser, als wenn auch noch die Fassade abgerissen worden wäre“, schätzt Thomas Nabert von Pro Leipzig das Ergebnis ein. Die Diskussion um die Nutzung des alten Kaufhauses und der angrenzenden Bürgerhäuser ist bereits seit 1991 im Gange. Der jetzt verwirklichte Entwurf stammt vom Düsseldorfer Architektenbüro RKW, dessen Gesellschafter Barbara Possinke und Friedel Kellermann seit 65 Jahren für Betreuung und Entwicklung von Karstadt-Gebäuden verantwortlich sind. Die RKW-Architektin Ursula Rusche war beim Leipziger Bau Projektleiterin und hat seit 1991 an verschiedenen Entwürfen mitgewirkt. Sie erinnert sich: „Es wurden zwei Nutzungskonzepte diskutiert: Warenhaus oder Einkaufszentrum? Außerdem standen unterschiedliche Baukonzepte zur Debatte. Zuerst wurde an Totalabriss gedacht, zeitweise wurde auch intern ein Erhalt diskutiert, dann wurde die Entkernungsidee beschlossen.“
„Für Karstadt stand immer fest, dass wir die Fassade erhalten, sie hat doch sehr starken Identifikationswert“, meint Stefan Klug, Leiter der Abteilung Bau und Planung bei der Karstadt Immobilien AG. Dass der Innenraum nicht zu halten gewesen sei, habe vor allem praktische Gründe. Durch den Zustand des Gebäudes nach Kriegschäden und Umbauten sei hier ein modernes Kaufhaus nicht zu verwirklichen gewesen. Weh tat den Denkmalschützern vor allem der Abriss des zentralen Kaufhaus-Treppenhauses, dass laut Nabert „einen sehr starken Charme und eine gewisse Einmaligkeit“ besaß. Da aber zu Beginn der Neunziger bereits mit einem Totalabriss gerechnet wurde sieht man das heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Nun entsteht an der Petersstraße ein Gebäude mit einer Gesamtfläche von etwa 35000 Quadratmetern. Ein Kaufhauskoloss auf acht Geschossen – Verkaufsfläche, untervermietete Büroräume und Tiefgarage. „Karstadt Leipzig, Eröffnung Herbst 2006“ steht auf einem Plakat an der Baustelle. Anfang Oktober schon, sagt Stefan Klug vom Projektentwickler Karstadt Immobilien AG.
Friss oder stirb
Dem Gebäude gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht ein Bauarbeiter; er raucht eine Zigarette und schaut hoch. Sicher, man hätte den Altbau erhalten können, wenn man wirklich gewollt hätte. „Ich würde sagen heute ist prinzipiell alles möglich, das ist immer eine Frage des Kostenvolumens“, sagt Ralf Thiele von der FUGRO Consult GmbH, die den Karstadt-Tiefbau überwacht hat, „in diesem Fall würde ich es aber für sehr übertreiben halten zum Beispiel kompliziert die Tiefgarage unter das bestehende Gebäude zu bauen.“ Es steht ebenso fest: Karstadt hätte auch die Fassade abreißen können, wenn der Wunsch zu einem Komplett-Neubau wirklich bestanden hätte. „Wenn ein Investor wie Karstadt sagt ‘Friss oder Stirb’, dann haben die zuständigen Behörden einen schwierigen Stand“, meint Wolfram Günther vom Stadtforum. Es ist also schon ein Entgegenkommen der Unternehmensseite, dass das aufgetischte Menü nicht noch schwerer zu schlucken war. Alle Seiten sind sich einig, dass das, was in den meisten Fällen über Leben und Tod eines Baudenkmals entscheidet, die Nutzungsfrage ist. Sie ist auch der Dreh- und Angelpunkt für Diskussionen und Kompromisse. Überall hört man, dass ein Denkmal mit Leben erfüllt sein müsse. Manchmal kommt danach der Zusatz, dass es aber nicht darum ginge, um jeden Preis eine bestimmte Art der Nutzung zu erzwingen.
Ein letzter Blick auf die drei Kräne über den Fassaden an der Petersstraße. Der Denkmalspaziergang endet mit ziellosem Schlendern zwischen Leipzigs Innenstadt-Altbauten. Ein älteres Paar, augenscheinlich Touristen, mit Fotoapparat und Stadtplan bewaffnet, steht auf der Straße und schaut an den Fassaden hoch. Er hebt die Hand und zeigt auf einen Erker weit oben am Gebäude. Sie reckt ihr Kinn in die Höhe. Die vorbeigehenden Leipziger schauen nicht auf. Sie blicken geradeaus. Sie sind es gewöhnt. Gewohnheit hat es an sich, dass man erst aufschreckt, sobald das, woran man gewöhnt ist, nicht mehr da ist.
