Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

Leben, leiden und auch mal sterben

von Theresa Münch

Ohne Schwächen geht es nicht. Und deshalb hasst Ælfstan die Elfen, er hat Angst vor Magie, kann weder Lesen noch Schreiben. „Jede Schwäche, jeder neue Schicksalsschlag hat ihm mit den Jahren mehr Charakter gegeben, mehr Tiefe“, erklärt Stefan Hentschel. Er spricht von Ælfstan wie von seinem besten Freund. Aber er redet gleichzeitig von sich selbst, denn Stefan Hentschel ist Ælfstan, er hat ihn erschaffen. „Die meisten Live-Rollenspieler haben einen oder mehrere solcher Charaktere“, sagt er. Auf den Conventions, den Treffen auf sagenumwobenen Burgen oder in dunklen Wäldern, schlüpfen sie dann ein Wochenende lang in diese Rolle.

„So ein Charakter, das ist wie ein zweites Ich“, berichtet Roman Wiebe. Seinem Magier Tijeh-Nor hat der Leipziger vor seiner ersten Convention im letzten Jahr nur ein grobes Konzept gegeben. „Und dann hab ich ihn einfach in die Welt geschmissen, er hat sich entwickelt, Freunde gefunden – und Feinde.“ Die Charaktere, das sind Magier und Alchimisten, Elfen und Zwerge, Trolle und Priester; alle Bewohner einer Sagenwelt, die während der Rollenspiele zur manchmal grausamen Realität wird. Denn zu jedem Charakter gehört nicht nur die Gewandung, ein mittelalterliches Kostüm mit Kettenhemden, langen Roben, Brustpanzer und Waffen, sondern auch das richtige Verhalten. „Man kann in seiner Rolle einfach mal wirklich böse sein“, grinst Stefan und schaut sich um.

Monster im Wald, Intrigen und Polsterwaffen

Da steht Jonas Sohn, die Polsterwaffe in der Hand. „Mein Charakter ist ein Berserker,“, sagt er, „ein Ordenskrieger. Der ist der erste in jeder Schlacht.“ Und von diesen Schlachten gibt es reichlich in den Fantasiewelten der Conventions. „Die Geschichten gehen vom einfachen Monster im Wald, das es zu besiegen gilt, bis hin zu gemeinen Intrigen und Verschwörungen“, erklärt Stefan Hentschel. Bis zu 3000 Spieler kommen zusammen auf der größten deutschen Con, dem Drachenfest. In Leipzig sind die Rollenspieler bisher nur ein familiärer Kreis, der sich trifft in Stefan Hentschels Laden, dem „Fantasy’n’Fiction“, wo man, was sonst, auch Rollenspielzubehör, Gewandungen und Polsterwaffen kaufen kann.

Zusammen fährt die eingeschworene Leipziger Gruppe dann zu den Conventions durch ganz Deutschland. Im Moment stecken sie tief in der Organisation für ihre erste eigene Con im Februar auf der Burg Lohra in Thüringen. „Das wird eher ein kleines Treffen“, weiß Roman Wiebe. „Bei den großen Cons aber kann man schon mal ein Land in den Untergang stürzen.“ Das sagt er scherzhaft und wird gleich darauf wieder ernst. „In der Öffentlichkeit wird Live-Rollenspiel viel zu oft auf den Kampf allein reduziert“, meint er. Tatsächlich aber seien die Rollenspieler keine brutalen Schläger und im Spiel gebe es nicht nur Schaukämpfe, sondern auch lange Rituale, Verhandlungen oder einfach mal einen Abend in der Taverne. „Sicher, die Kämpfe gehören dazu“, gibt Stefan Hentschel zu. „Ohne Bedrohung wären die Geschichten eintönig. Aber das eigentlich Besondere ist das Leben in der Rolle.“

Freiheitlicher Eskapismus

Die Leipziger Rollenspieler leben und leiden mit ihren Charakteren. „Wenn man einen Charakter entwirft, dann denkt man sich sein Leben aus“, erzählt Katharina Erning. Für ihre Priesterin Tharathuam Saba Nebahat hat sie Tagebuch geschrieben, 40 Seiten lang mit einem Federkiel. Jeder neue Charakter ist für sie „eine kreative, künstlerische Herausforderung“ und ob die anderen Rollenspieler vom „Leben“ ihres Charakters erfahren, ist ihr egal. „Seine Geschichte macht ihn realer“, sagt sie. So real, dass Katharina mitleidet, wenn ihr Charakter im Kampf verletzt wird. Die Rollenspiele sind realistisch, so realistisch, dass Charaktere im Kampf auch mal sterben können. „Und wenn ein Charakter einmal tot ist“, so denkt Katharina Erning, „dann kommt er auch nicht wieder. Auch nicht bei der nächsten Convention, nie mehr“. Mit ihrer Einstellung, so sagt die Leipzigerin, spielt sie lebensechter, reagiert viel realer auf die Gefahren im Spiel – fast, als ginge es um ihr eigenes Leben.

Für die Leipziger Spieler ist Live-Rollenspiel „Theaterspielen mit absoluter Freiheit“, ohne Drehbuch, ohne Text. „Zu realitätsgebunden darf man da nicht sein“, gibt Roman Wiebe zu. Aber prinzipiell könne jeder mitfahren zu den Conventions. „Nur mit Leuten, die immer bloß zugucken und nicht spielen wollen, können wir nichts anfangen“, meint er. Live-Rollenspiele sind kein Kampfsport, sondern fantasievolles „24-Stunden-Theater“. Und so ein wenig auch eine Flucht. „Eskapismus“, sagt Stefan Hentschel und dabei lacht er nicht. Denn im Spiel tauchen sie alle ein in eine andere Welt. Eine Welt, die, zugegeben, manchmal grausam sein mag, die aber zugleich voller Abenteuer und Fantasie ist.

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