Wahre Helden
Von Jonathan Fasel
Karsten Werner ist jung, dynamisch, waschechter Leipziger – und Spitzenkandidat einer Partei mit sperrigem Namen: der Bürgerrechtsbewegung Solidarität, kurz BüSo. Doch wofür steht er? Und wofür seine Partei? Schüchtern sieht er aus. Er ist jung, gerade mal 21 Jahre. Und er redet ein wenig schnell. Doch Karsten Werner sieht sympathisch aus. Kurze Haare, kleines Bärtchen, die Fielmann-Brille – fast trifft er den Schwiegermutter-Typ. Er studiert Sonderpädagogik, singt im Chor und liest gerne Schiller und die alten Philosophen. Ach ja: Und er ist neuerdings Oberbürgermeister-Kandidat der Bürgerrechtsbewegung Solidarität.
Schwiegermütter würden jetzt nachfragen, was das ist. Aber er sitzt beim Kaffee, erzählt von der D-Mark, von der Globalisierung und von Amerika. Und welche Rolle Leipzig dabei spielt: „Diese Stadt ist einer der zentralen Knotenpunkte der Welt, von hier ging Montagsdemos und kulturelle Revolutionen aus”, sagt Karsten Werner vehement. „Und darum muss Leipzig wieder stark werden – muss re-industralisiert werden.” Jetzt klingt er doch etwas bemüht. Der Schwiegermutter-Hochglanz bröckelt.
Pressesprecher = Aufpasser?
Das ist kein Problem, schließlich ist Karsten Werner nicht allein. Sein Pressesprecher ist immer an Ort und Stelle und springt für ihn ein, wenn doch mal eine kritische Nachfrage kommt. Stephan Ossenkopp ist 36, freier Journalist und wohnt zur Zeit in Leipzig. Er kennt das ganze Programm der BüSo wirklich gut, und räumt erst einmal mit den gängigen Vorurteilen gegen seine Partei auf. Dass der Gründer der BüSo, der US-Wirtschaftswissensschaftler Lindon LaRouche, kein Sektenführer sei. Dass er wie auch die BüSo keinesfalls antisemitisch sei und dieses Gerücht von „dunklen Eliten” (O-Ton Ossenkopp) konservativer Kreise seit Jahrzehnten zu Unrecht gestreut werde, um LaRouche zu schaden. Ossenkopp: „Wir sind das richtige Amerika.” Spätestens hier springt auch die hartgesottenste und liberalste Schwiegermutter ab. Mit dem Abbau von Vorurteilen lässt sich eine Wahl schlecht gewinnen.
Deswegen hat die BüSo auch ein Programm formuliert, welches sich zum Teil auffällig globalisierungskritisch zeigt. D-Mark statt Euro, Maastricht weg – denn das zerstört nur die Produktivität –, gegen die Globalisierung. Ist das links? “Wir sind vorwärts – und eine globale Bewegung”, sagt Karsten Werner nicht ohne Stolz. Stephan Ossenkopp nickt zufrieden.
Wir sind Helden
Wofür steht die BüSo in Leipzig? Mit den Slogans „In Sachsen muss die Wirtschaft wachsen” und „Hoffnung für die Heldenstadt” – direkt darunter: Karsten Werners Kopf – geht die Partei in den nächsten Tagen mit Plakaten an den Start. Der Stand in der Innenstadt ist schon seit Tagen im Gefecht um die Wähler. Ganz wichtig ist den BüSos auch die Kultur: „Wir sind der Überzeugung, dass nur eine gepflegte Kultur die Grundlage unserer Gesellschaft ist”, so Karsten Werner, der seit rund zweieinhalb Jahren bei der BüSo ist. „Und Leipzig ist in vielfacher Hinsicht eine Wiege unserer Kultur. Das muss wieder in den Vordergrund der Politik rücken.”
Dieser Kultur verleihen die Mitglieder der BüSo, in Leipzig sind es etwa dreißig, täglich Ausdruck. Mal diskutieren sie in philosophischen Zirkeln, dann treffen sie sich zum Chorsingen. Erst kürzlich marschierten sie eines Mittwochabends mit „Leipzig re-industrialisieren”-Transparenten durch die Leipziger Innenstadt. Einige Bürger schauten verschreckt, andere verwundert. Die meisten beachteten den BüSo-Choral erst gar nicht. Ob das bei der Wahl des Oberbürgermeisters anders ablaufen wird? Wohl kaum. Karsten Werner ist Student. Und er kandidiert für die kleinste der kleinen Parteien. Seine Chancen sind gleich null.
