Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

Leipzig muss endlich erwachsen werden

Von Felix Stephan

Leipzig ist ja bekanntlich eine Großstadt, das ist klar, das wissen sogar die Erfurter. Nun mag nicht jedem vollkommen klar sein, was dem Erfurter unter dem Begriff „Großstadt“ so alles vorschwebt und wirkliche Kategorien gibt es höchstens in der Demographie, aber da hat Leipzig die Hürde schließlich vor kurzem genommen, sportlich gesehen. Das lokale Tagesmedium „Leipziger Volkszeitung“ fiel sogar der Ausgelassenheit anheim und machte Seite eins frei für die amtliche Bekanntmachung, Leipzig habe die 500.000-Einwohner-Grenze erreicht. Da schwang heimlich ein leichtes Aufatmen mit triumphalem Unterton mit, denn endlich muss man sich vor den hartnäckig skeptischen Metropolen Dresden und Chemnitz nicht mehr verstecken, sondern kann auf die Fakten verweisen: Leipzig ist Großstadt.

Leipzig-Bashing

Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen der statistischen und der gefühlten Großstadt. Großstädte sind nicht nur große Städte, sondern immer einen Schritt voraus, Tummelplatz der Kreativen und Geburtsstätten den Zeitgeistes. Großstädter geben vor, sich zum Kopieren und Abschauen zu fein zu sein und feiern lieber die Strahlkraft ihres eigenen Lebensstils, der – versteht sich – einzigartig, elitär und so nur hier möglich ist. Die Pelzbemantelten von drüben haben ja kaum mehr durch die Nase atmen können vor Begeisterung, als sie sich zu einem gnädigen Entwicklungshilfe-Wochenende in der Stadt herabgelassen haben, in den letzten Jahren. Der historische Kern sei so wertvoll wie fantastisch, trotzdem sei alles so unfassbar belebt und frisch und neu. Doch die Jubelartikel sind verstummt und jetzt heißt es, also er, der Tenor: Soviel Geld, soviel Fassade und dann so ein Desaster! Leb- und ideenlos, verfilzt, ewiggestrig, in der Überambition versunken. Berlin-Bashing ist dem Feuilleton mittlerweile zu altbacken, jetzt ist Leipzig dran.

Ostdeutsche Realität

Vielleicht ist das ja ganz heilsam, vielleicht gibt es ja den Kühe-bei-Gewitter-Effekt und die Leipziger rücken enger zusammen. Jetzt erst recht, könnte es heißen oder „Wir Leipziger sitzen nichts aus“, darüber ist man sich schließlich am Theater längst einig und verkauft unter diesem Slogan Sitze im Großen Saal. So schön das klingen mag – die Stadt würde sich genau damit kolossal disqualifizieren. Größe zeigt sich erst in schlechten Zeiten und die haben für Leipzig in der bundesdeutschen Wahrnehmung längst begonnen. Die Leipziger können sich jetzt in Trotz einwickeln – oder beweisen, dass ihre Stadt mehr ist als ein Schwarzes Subventionsloch.

Potential? Vorhanden!

Denn Leipzig hat Potential: die zurzeit begehrteste Malereihochschule der Welt, die helle Nacht in der Südvorstadt und das mittlerweile bundesweit anerkannte Literaturinstitut sind nur ein paar Leuchttürme. Doch Leipzig muss sich seiner selbst viel bewusster werden. Es muss sich selbst kennen, bevor es sich anderen präsentieren kann – und das bedeutet, dass es vor allem seine Schwächen kennen muss. Die Arbeitslosigkeit, die überdurchschnittliche Überalterung, der Leerstand sind einige davon.. Wenn die Stadt die Sympathien zurückgewinnen möchte, darf sie nicht schmollen, sondern muss sich mit sich und seiner ostdeutschen Realität aufrichtiger auseinandersetzen, als sie es bisher getan hat. Das schafft Authentizität und es ist noch nie jemand gemocht worden, der gern jemand anderes wäre.

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