Der Leipziger

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„Was bleibt, ist die Erinnerung an diesen schönen Schmetterling“

Mit Ulrike Nieß, der Mit-Initiatorin des Friedhofs für Schmetterlingskinder, sprach Theresa Münch.

Ein erster und letzter Teddybär
Ein erster und letzter Teddybär

Frau Nieß, im Juni war die erste Beerdigung im Ruhegarten für Schmetterlingskinder in Lindenau. Sie haben lange für diesen besonderen Friedhof gekämpft. Warum liegen Ihnen die Schmetterlingskinder so am Herzen?
Ulrike Nieß: Weil es uns darum geht für die Kinder einen würdevollen Platz zu finden. Bis jetzt konnten die Eltern keinen Abschied nehmen. Die Krankenhäuser haben die Kinder anonym bestattet. Wir wissen aus vielen Gesprächen und Erfahrungsberichten von Eltern und Großeltern wie groß der Schmerz ist, dass sie keinen Platz haben, wo sie noch mal hingehen können. Selbst ältere Frauen haben sich bei uns gemeldet und gesagt, dass sie immer noch an diese Kinder denken, die sie verloren haben. Und wie froh sie sind, dass jetzt die jungen Frauen einen Platz haben.

Wie kann man sich diese Beerdigungen vorstellen?
Eigentlich wie bei einer richtigen Beerdigung. Es gibt eine Gedenkfeier mit Musik und Texten, Meditation und Ritualen und danach geht der Trauerzug über den Friedhof bis zum Begräbnisplatz. Am Begräbnisplatz spricht der Pfarrer einige Worte, es wird gebetet und gesungen. Dann werden die Särge herabgelassen werden und die Eltern legen Blumen nieder.

In jedem Sarg werden mehrere Kinder bestattet und es gibt auch keine Grabsteine mit den einzelnen Namen. Das klingt immer noch sehr anonym.
Nein. Wir haben uns gesagt, es wäre gut, wenn die Eltern den Namen auf einen Stern schreiben und dieser Stern wird auf ein blaues Tuch genäht. Bei jeder Feier liegt dieses Tuch aus mit den vielen Sternen und da kommen immer mehr Sterne hinzu.

Schmetterlingskinder kann man nicht festhalten

Was verbinden Sie ganz persönlich mit dem Begriff „Schmetterlingskinder“?
Schmetterlinge sind auch so sensible Wesen. Sie sind wie die Kinder – so klein und zart. Aber man kann sie nicht festhalten, dann gehen sie ein. Sie fliegen einfach davon und was bleibt ist die Erinnerung an diesen schönen Schmetterling. Dieser Vergleich war für mich immer besonders tröstlich.

Warum müssen die Schmetterlingskinder eigentlich auf einem separaten Friedhof beerdigt werden?
Das hat was mit den Gesetzen zu tun. Fehlgeborene Kinder unter 500 Gramm unterstehen nicht dem Personenstandsgesetz, sie bekommen keinen Namen. Insofern sind sie auch keine Leiche, müssen nicht bestattet werden und könnten einfach anderweitig entsorgt werden. Für uns sind sie aber Menschen und die Mütter haben ja auch eine Beziehung zu ihren Kindern aufgebaut. Es ist schwierig einfach die Grenze zu ziehen bei 500 Gramm. Ein paar Gramm können doch dafür nicht entscheidend sein. Die Trauer ist doch die Gleiche.

Werden in Leipzig jetzt alle Frühgeburten automatisch auf diesem Friedhof beigesetzt oder werden die Eltern vorher gefragt, ob sie das wollen?
Wir haben in den Krankenhäuser Flyer ausgelegt, die die Eltern ausfüllen und damit ihre Bereitschaft geben, dass das Kind bestattet werden soll. Und sie können ihre Adresse angeben, so dass wir sie dann auch zur Beisetzung einladen können. Aber mit den Pathologien ist besprochen, dass prinzipiell jedes Kind bestattet wird, auch wenn die Eltern nicht teilnehmen. Es kommt auch vor, dass Eltern sich erst später melden und dann doch noch zur Feier kommen.

Inwiefern bekommen denn die Eltern Hilfe bei der Entscheidung ob sie ihr Kind bei ihnen beerdigen lassen möchten oder einfach privat?
Vor ein paar Tagen hat eine Frau berichtet, wie es ihr ergangen ist im Krankenhaus. Und da hatte ich das Gefühl, dass die Schwestern sie ermutigt haben und gesagt haben: „Machen Sie das so, das machen alle Eltern. Und das tut Ihnen gut“. Sie waren auch davon überzeugt, dass es eine gute Sache ist.

Haben Sie beobachtet, dass die Eltern nach der Beerdigung noch oft ihr Kind besuchen oder haben sie abgeschlossen?
Ja, das sieht man an den Grabstellen und den Blumen und Spielzeug was die Eltern auch später noch ablegen. Das sagen auch die Friedhofsmitarbeiter, da sind viele Menschen.

Tod ist ein Thema geworden

Früher, vor Jahren, hat man sich um die Schmetterlingskinder gar nicht gekümmert. Wie erklären Sie sich denn den Wandel in der Einstellung?
Ich denke das hat was mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Vor 30, 40 Jahren war es ein Tabu. Da wurde nicht drüber gesprochen und man wollte auch nicht drüber sprechen. Das gibt es heute auch noch, dass Nachbarn, Kollegen es abtun und sagen: „Ihr hattet doch schon ein Kind. Und du kannst ja auch noch Kinder kriegen“. Man ist so leichfertig mit solchen Sätzen und die Mütter hatten oft das Gefühl, dass keiner mit ihnen drüber sprechen will. Aber die Frauen haben sich mehr emanzipiert, ich denke durch die Medien wird es mehr an die Öffentlichkeit getragen, damit ist es mehr zum Thema geworden, was wiederum Frauen ermutigt hat auch mehr drüber zu sprechen. Das Kind und Verabschieden ist ein Thema geworden.

Weihe des Brunnens auf dem Friedhof für Schmetterlingskinder
Weihe des Brunnens auf dem Friedhof für Schmetterlingskinder

Sie haben im November 2005 den Ökumenepreis gewonnen für Ihre Initiative. Macht Sie das stolz?
Natürlich, wir haben uns riesig gefreut. Wenn man sich sehr engagiert für eine Sache, ist das für alle so eine Selbstverständlichkeit geworden, die nicht groß honoriert wird. Wenn man dann einen Preis bekommt, ist es ja doch eine öffentliche Anerkennung der Leistung. Und natürlich hat uns auch die Geldsumme gefreut, die mit dem Preis verbunden ist, weil wir das Geld gut gebrauchen können. Insofern war es eine doppelte Freude.

Jeden 2. Sonntag im Dezember gibt es eine Gedenkstunde für verstorbene Kinder weltweit. Haben Sie diesen Tag in diesem Jahr besonders gefeiert?
In Leipzig ist zum vierten Mal diese Veranstaltung gewesen in der Nikolaikirche, die Gedenkfeier für die verstorbenen Kinder. 2005 haben die Schmetterlingskinder zum ersten Mal einen Platz in der Veranstaltung bekommen, so dass für sie auch eine Kerze gebrannt hat, dass wir den Eltern auch Bescheid gesagt hatten und dass zum ersten Mal eine Fürbitte speziell für die Schmetterlingskinder gehalten wurde.

Weitere Informationen über die Arbeitsgruppe „Schmetterlingskinder“ gibt es im Internet unter www.hospiz-leipzig.de. Kontaktpersonen sind Frau Jahn und Frau Cieslak, erreichbar über den Caritas Verband Leipzig unter Tel.: 0341/9805089 oder schmetterlingskinder@hospiz-leipzig.de.

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