Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

Merkwürdige(s) Sach(s)en:
Eine Lissabonnerin über ihre Erfahrungen in Leipzig

Die Ankunft

Ich war gerade in Leipzig angekommen und hatte schon fast einen Herzinfarkt: Vom Flughafen zur Stadt fuhr der Taxifahrer 160 Stundenkilometer – das ist selbst für eine Portugiesin zu rasant! Für die Höllenfahrt musste ich dann noch 30 Euro bezahlen! Ich dachte: „Wenn hier alles so teuer ist, bin ich schnell pleite.“

An meinem ersten Tag habe ich ein neues Essen probiert: Dönerkebab. Ganz lecker und auch günstig! Die Aussprache der Türken konnte ich aber nicht so gut verstehen. „Mit Schlafkäse?“, fragte er. ,,Ja” antwortete ich unsicher, weil ich gerade überlegte, warum der Käse so einen komischen Name hat. Vielleicht verursacht dieser Käse Schlaffheit?!

Leipzig ist toll! Eine pulsierende Stadt voller Kultur, wo Geschichte und Modernes zu einer interessanten Mischung verschmelzen. Es gibt schöne Kirchen, viele Grünanlagen und renovierte Gründerzeitfassaden. Hier hupen die Fahrer selten und respektieren die Verkehrsregeln. Ich denke, die Leipziger sind ruhiger als die Lissabonner. Die Stadt scheint mir ein kleines Paradies zu sein.
Etwas Überraschendes: Fast alle fahren Rad, egal ob jung oder alt, allein oder mit ihren Kindern! Und sie können gleichzeitig am Handy reden, den Regenschirm halten, Musik hören und fahren, ohne zusammenzustoßen oder die Fußgänger zu überfahren!

Überraschungen in der Uni

Die Vielfältigkeit der Süßigkeiten, die es hier gibt, ist unglaublich. Wie ist das möglich, dass sie trotzdem schlank sind? Vielleicht liegt das Geheimnis im Radfahren. Es hat mich wirklich erstaunt, dass sowohl Studenten wie auch Professoren die Leidenschaft für Süßes teilen. Ich war in einer seriösen Seminarsitzung und plötzlich legt der Professor ein Gummibärchenpaket auf den Tisch und sagt uns: „Nehmen Sie eins“! Das wäre in Portugal undenkbar! Ich bin auch überhaupt nicht daran gewohnt, die Kochkünste der Dozenten kennen zu lernen, aber hier hatte ich schnell Gelegenheit dazu: In der letzten Seminarsitzung hat ein Professor Waffeln für uns gebacken! Und in einem anderen hat der Dozent den Studenten eine Tasse Glühwein bezahlt und mit ihnen Lebkuchen gegessen! Es scheint, dass es hier in Leipzig eine engere Beziehung zwischen den Dozenten und den Studierenden gibt.
Die Studenten sagen auch oft ihre Meinung und üben Kritik an der Arbeit der Kommilitonen. Bei uns spricht der Professor fast die ganze Zeit und es gibt kaum Spielraum für Diskussionen.

Die Uni Leipzig hat etliche positive Aspekte. Da wäre der Praxisbezug des Studiums , was womöglich auch meinem Fach Journalisitk liegt: Ich konnte mir nie vorstellen, dass ich in so kurzer Zeit Beiträge fürs Radio und Fernsehen produzieren würde, sowie Artikel für Magazine (noch heute kann ich kaum glauben, dass ich es geschafft habe!). Was mir auch nicht im Traum eingefallen wäre, war, dass ich regelmäßig das Seminargebäude auf der Suche nach einem Stuhl durchlaufen muss, da es nie genügend gibt.

Organisationssucht

Mir war schon klar, dass die Deutschen sehr ordentlich sind, aber nicht so sehr! Vor einigen Tagen wollte ich mit meinem Hausmeister sprechen und bin ihm zufällig im Erdgeschoss begegnet. Als ich begann mein Problem zu erläutern, unterbrach er mich und sagte: „Kommen Sie zu mir in meiner Sprechzeit“ und war weg. Wenn ich mit ihm reden will, muss ich es von 7 bis 7.30 Uhr machen. Unglaublich! Für mich ist das ziemlich zeitig, aber hier läuft die Zeit anders: Man steht früh auf und geht früh ins Bett (außer am Wochenende). Nach einigen Tagen in Leipzig hatte ich verstanden, warum keiner meine Einladungen zum Abendessen annahm: ich esse um 20.30 oder 21 Uhr eine warme Mahlzeit, während viele meiner deutschen Freuden um 19 Uhr schon gegessen haben.

Ich war auch ganz begeistert über den großen Respekt gegenüber Regeln, den die Deutschen zeigen: niemand überquert die Straße, wenn den Ampel rot ist, auch wenn kein Auto kommt. In Portugal herrscht das, was die Deutschen Chaos nennen würden: die Fußgänger gehen locker über die Straßen und die Fahrer geben Gas, wenn die Ampel auf gelb springt. In der Straßenbahn stößt man auf weitere Unterschiede: Da beklagen sich die Omas wenn sie keinen freien Platz bekommen; und manche Jugendliche finden es toll, ohne Fahrkarte zu fahren, was hier tadelnswert ist. Total lustig finde ich die Anzeigen: „Für nur 40 Euro hören wir uns auch jede originelle Ausrede an! Schwarzfahren kostet 40 Euro und ´ne Menge Nerven“.

Wurst

Wenn man keine Lust auf Pizza oder Döner hat, gibt es nur eine wirkliche Alternative: Wurst. In der Innenstadt kann man alle fünfzig Meter einem Bockwurst- oder Thüringer Bratwurstverkäufer begegnen. Aber sie wird trotzdem „typisch“ genannt, und ich dachte das bedeutet: etwas Besonderes. Manchmal vermisse ich den frischen Fisch meines Landes. Leipzig hat drei Seen, aber wahrscheinlich keine Fischer. Dagegen würde ich ohne Sauerkraut und die unterschiedlichsten bunten Soße schon ganz gut auskommen.

Schnee

In Leipzig gefallen mir besonders die sonnigen Tage (ich dachte eigentlich, dass es hier zu wenig Sonne gäbe), das Rathaus, die Fahrräder, die Körnerbrötchen, die warmen Sitzplätze in der Straßenbahn, die Leute und klar – der Schnee!!! Das erste Mal, als ich es schneien gesehen habe, war ich absolut begeistert… Ein zauberhafter Moment! Immer wenn es schneit, freue ich mich riesig: einmal war ich in der Uni und hielt ein Referat. Als ich durch das Fenster guckte und den Schnee sah, platzte ich mit Begeisterung heraus: „Oh! Es schneit! Wunderschön!“ und plötzlich bemerkte ich, dass das ganze Seminar schwieg und mich erstaunt anschaute. Für meine deutschen Kommilitonen ist der Schnee ganz normal, aber bei liegen die niedrigsten Temperaturen im Winter bei 5 bis 9 Grad.

Andere Länder, andere Sitten

Meine Kommilitonen sind sehr nett. Einige mehr zurückhaltend und verschlossen als andere, aber alle „cool“. Einen Monat nach Beginn des Semesters hatte ich schon eine gute Beziehung zu ihnen, aber das bedeutet nicht, dass ich schon alle sozialen Regeln kannte. Als eine gute Bekannte zu mir kam, um mich zu begrüßen, küsste ich sie auf jede Wange (so macht man es in Südeuropa). Sie war erstaunt und wurde verlegen. Als ich verstanden hatte, dass sie mich stattdessen mit einer kurzen Umarmung begrüßt hätte, fühlte ich mich schlecht. Das war echt peinlich! Seitdem begrüße ich die Leute immer mit einem „Hallo!“ und einem Lächeln.

Immer wieder fallen mir kleine Dinge auf, die den Portugiesen merkwürdig vorkommen würden: Hier benutzt man selten Servietten (bei uns sind Servietten sowie Brot Pflicht am Tisch); am Ende von Vorlesungen, Seminaren oder eines Referats klopfen alle auf den Tisch (wir klatschen, aber nicht nach jedem Seminar!). Im Supermarkt muss man unglaublich schnell an der Kasse sein, ich meine, der Kunde soll gleichzeitig bezahlen, seine Waren einpacken und das Wechselgeld entgegen nehmen (in Portugal nehmen sich die Leute Zeit und reden sogar ganz kurz mit den Kassierern).

Geil!

Ich finde es auch „sau toll“, dass es in Deutschland so viele verschiedene Dialekte gibt. Klar, ich habe schon „kapiert“, dass ich nie hundertprozentig Deutsch können werde, sondern nur einen kleinen Teil dieser schwierigen Sprache. Jetzt versuche ich gerade Sächsisch zu lernen. Solche Worte wie „Nee“, „Tach“, „Ich hab kein’ Bock“, oder „Es ist mir Wurscht“ gehören schon zu meiner Alltagssprache. Vielleicht bin ich schon ein wenig „eingedeutscht“. Wie dem auch sei… Tschüssi!

Von Clara Pereira

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