Der Leipziger

Wir geben der Stadt ein Gesicht!

„Bildung ist harte Arbeit“

Mit Crister Garrett, Professor für Amerikanistik an der Uni Leipzig, sprach Hanna Wiehe über transatlantische Beziehungen, Bildung hüben und drüben und seine Meinung über Deutschland.

Mit Ihrem Namen sind vielfache Titelbezeichnungen verbunden – von „politischer Wissenschaftler“ über „Experte für Transatlantische Beziehungen“ bis hin zum einfachen „der Amerikaner“. Als was würden Sie denn gerne bezeichnet?
Crister Garrett: Ich beschäftige mich mit Politikwissenschaften, und lerne weiterhin auf diesem Gebiet. Deshalb würde ich mich lieber als noch immer „Lernender“ auf diesem Fachgebiet bezeichnen. Das Gebiet der Politikwissenschaften ist eigentlich eine Kombination von mehreren Fachgebieten – sowohl Geschichte, Politik, Soziologie, aber auch Wirtschaft und sogar Anthropologie sind da vereint. In all diesen Fachgebieten informiere ich mich regelmäßig. Mein Schwerpunkt jedoch liegt auf politischer Kultur, das heißt, es geht um verschiedene politische Traditionen und deren Umsetzung in unterschiedlichen Ländern, aber auch um das Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft.

Ist es denn eher aufregend oder eher doch entmutigend, sich dieser Tage mit Politik zu beschäftigen?
Es ist sowohl anstrengend als auch aufregend. Es geht mehr um die Kunst des Verstehens einer anderen Gesellschaft und deren Politik zu verstehen. Da es sich nicht wirklich um eine Wissenschaft als solche handelt, ist die Arbeit natürlich oft auch einfach unpräzise. Man muss einfach viel lesen und sich konstant mit damit beschäftigen, um ein Gefühl dafür zu kriegen, um ein Gefühl dafür zu kriegen und auch um zu verstehen, wie und warum Dinge in anderen Ländern so passieren. Aber zusammenfassend macht die Arbeit wirklich Spaß, sie ist interessant und herausfordernd, denn zur Zeit passiert einfach so viel, sowohl in Politikwissenschaften als auch auf der internationalen Bühne. Hauptsächlich geht es immer darum, verlässliche Formen der Kommunikation und Verständigung untereinander zu finden.

„Deutschland und die USA verbindet eine gemeinsame Wertegemeinschaft.“

Lassen Sie uns darüber reden, wie Sie dahin kamen, wo Sie heute sind: Sie hatten unter anderem den Distinguished American Studies Chair hier in Leipzig inne.
Diese Position hatte ich zwei Jahre lang inne, nun bin ich zwei weitere Jahre hier als ein DAAD-Professor für Amerikanische und internationale Studien. Dieses Stipendium wurde der Universität Leipzig für fünf Jahre gewährt, normalerweise wechselt er jedes Jahr. Aber da mich die Fulbright-Kommission gebeten hatte, ein weiteres Jahr zu bleiben, habe ich sofort zu gestimmt.

Gehört das zum Fulbright-Stipendium?
Die Fulbright-Kommission finanziert die Position des Fulbright Leipzig Distinguished Chair. Dieser wird je zur Hälfte von der amerikanischen und der deutschen Regierung unterstützt.

Das Programm an sich wurde vom amerikanischen Senator Fulbright ins Leben gerufen, ist das richtig?
Er hatte die Idee in den frühen 1960er Jahren und gab die entsprechenden Impulse dafür. Sein Hauptargument war, dass Amerika nur eine erfolgreiche Außenpolitik betreiben kann, wenn auch seine Bevölkerung gut über die Welt informiert ist. Im Gegenzug sollten auch Menschen in die Vereinigten Staaten kommen und etwas über das Land lernen können – denn der bekanntlich beste Weg um Vorurteile abzubauen ist, viel zu reisen und die Menschen und die Bevölkerung selbst kennen zu lernen. Das war die grundlegende Idee des Fulbright Stipendiums: Es erlaubt zum Beispiel amerikanischen Professoren, aber auch Doktoranden, verschiedene Länder zu besuchen und umgekehrt, so dass eine Art Austausch zustande kommt. Eine dritte Gruppe, die inzwischen von dem Programm profitieren kann, sind die sogenannten „Professionals“: Dazu gehören zum Beispiel Journalisten, Manager von international agierenden Betrieben, aber auch Lehrer. Alles in allem ist das Programm also sehr erfolgreich und genießt einen tollen Ruf.

„Man merkt einfach, was internationale Bildung bedeutet.“

Nun, da Sie hier arbeiten, wo sehen Sie denn besondere Herausforderungen als ein amerikanischer Professor an einer deutschen Universität?
Es kommt immer darauf an, in welchem Bereich man tätig ist. Ein Beispiel: Während wir in Leipzig arbeiten, wohnen wir im Internationalen Gästehaus der Universität – ein sehr schönes Gebäude für die internationalen Gästeprofessoren. Es gibt dort viele Amerikaner, auch einige Naturwissenschaftler darunter. Das sind hauptsächlich Pragmatiker, die in den sogenannten „hard sciences“ arbeiten – es ist für sie ziemlich unproblematisch, am Ende des Tages bei einem Glas Wein über die Bush-Regierung zu diskutieren. Für jemanden wie mich ist das schon komplexer, denn ich unterrichte ja aktuelle Geschehnisse.

Ich mag deshalb auch die Diskussionen, trotzdem ist es nicht immer leicht und objektiv. Vielfach wird einfach angenommen „okay, da ist ein Amerikaner, also unterstützt die Bush-Regierung entweder aktiv oder passiv, oder er repräsentiert sie zumindest.“ Obwohl das natürlich nicht wahr ist, denken trotzdem viele Menschen so, es ist einfach eine natürliche erste Annahme. Aber trotzdem ist das auch eine gute Lernerfahrung für mich gewesen, denn man merkt einfach, was internationale Bildung bedeutet. Auch bin vorsichtiger in dieser Hinsicht geworden: Früher dachte ich immer „arbeite hart, und du schaffst es.“ In der Zwischenzeit hat sich das relativiert, nun denke ich „arbeite hart, bleib dabei, und du wirst sehen, wo du rauskommst.“ Meiner Ansicht nach ist das wirklich eine gute Erfahrung, vor allem als Lehrer. Bildung ist eben harte Arbeit.

Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es denn, wenn wir über das universitäre Bildungssystem in den USA und in Deutschland reden? In einem früheren Interview erwähnten Sie, dass die Freiheit der Studenten eine wichtige Rolle bei der Beantwortung dieser Frage spielt…
Das stimmt. Es gibt aber verschiedene Wege, diese „Freiheit beim Lernen“ im amerikanischen und deutschen System zu definieren. Wichtig ist, eine bestimmte Anforderung der Professionalität an Bildung zu haben. Im amerikanischen Hochschulwesen hat man viel darüber nachgedacht, das richtige Paket mit Bildung, Fähigkeiten und Erfahrung für Studenten zu schnüren, denn das sind drei hauptsächliche Faktoren. Das bedeutet, dass Studenten nun in ein Seminar kommen können, und schon genau wissen, was sie erwartet. Das richtige „Paket“ ist sozusagen schon für sie vorhanden. Das ist also eine Art der „Freiheit.“ Man weiß, was man machen muss, und man macht es einfach – und braucht sich nicht mehr selber um die einzelnen Teile des „Paketes“ zu kümmern, von denen man noch gar nicht weiß, ob sie passen oder nicht.

In Deutschland ist dieses Prinzip häufig als „Verschulung“ verschrien. Das stimmt auch teilweise – es ist eben die klassische Debatte zwischen Deutschland und den USA: beide Gesellschaften haben verschiedene Ebenen der Freiheit für unterschiedliche Agendas. Wichtig ist es vor allem im universitären Bereich, die richtige Mischung zu finden. Studenten brauchen eindeutig auch genug Freiheiten, um sich wirklich für Veranstaltungen entscheiden zu können, die ihnen Spaß machen. Im Moment kann man das im amerikanischen System sehr gut sehen, denn Universitäten beginnen, die Anzahl an obligatorischen Kursen zu reduzieren – eben um Studenten mehr Auswahlmöglichkeiten zu bieten. Amerika sieht nun verstärkt auch auf das deutsche bzw. europäische Universitätssystem und sucht dessen Vorteile. Umgekehrt passiert das auch. So etwas verbindet uns als Wertegemeinschaft.

„Leipzig hat sich als eine aufregende und faszinierende Stadt erwiesen.“

Vor einigen Monaten haben Sie sich für eine feste Professur am Leipziger Institut für Amerikanistik beworben. Wenn Sie die Stelle antreten würden – was hätte das für einen Einfluss sowohl auf Ihre berufliche als auch persönliche Perspektive?
Es wäre eine fantastische Gelegenheit – das Institut für Amerikanistik hier in Leipzig hat einen sehr guten Ruf deutschlandweit. Es wäre also aufregend, ein Teil davon zu sein. In einer von Europas zentralen Universitäten zu arbeiten, vor allem zu einer Zeit, da Deutschland und Europa eine neue Generation der höheren Bildung aufzubauen versuchen, wäre auch auf einer persönlichen Ebene sehr spannend. Auch für meine Familie wäre es interessant – meine Frau ist Deutsche, unsere Tochter hat einen deutschen und einen amerikanischen Pass – wir sind also eine deutsch-amerikanische Familie. Natürlich ist es auch an sich intellektuell sehr attraktiv, der transatlantischen Debatte auf dieser Seite folgen zu können.

Warum also überhaupt Deutschland? Was mögen Sie an diesem Land?
Mein Interesse an Deutschland begann eigentlich lange vor meinem ersten Besuch hier, und auch lange bevor ich meine Frau hier traf. Ich habe mich schon seit vielen Jahren für nordamerikanische und auch europäische Geschichte interessiert. Eigentlich lag mein Schwerpunkt mehr auf Frankreich, aber auch Deutschland war allein schon wegen seiner Geschichte hochinteressant, zum Beispiel das Ende des Kalten Krieges und so weiter. Als dann die Mauer fiel, war es in meinen Augen klar, dass das nun Europa und damit auch die transatlantischen Beziehungen drastisch verändern würde.

Ich habe mich dann für verschiedene Stipendien beworben, um nach Deutschland kommen zu können. Das habe ich auch 1997/98 für ein Jahr gemacht. Allerdings wusste ich nichts über Ostdeutschland, außer den Sachen, die ich gelesen hatte, deshalb wollte ich da unbedingt mal hin. Also habe ich mich dort umgesehen, und Leipzig schien da sehr reizvoll – sowohl die Universität als auch in der historischen Perspektive, besonders seine Rolle 1989. Und es hat sich wirklich als aufregende und faszinierende Stadt erwiesen.

Wenn wir einmal über das Land reden: Was halten Sie von unserer „neuen“ Kanzlerin?
Sie hat mich sehr beeindruckt. Sie versucht nicht, jedem zu gefallen. Natürlich regiert sie in einer demokratischen Gesellschaft, da muss sie auch versuchen, eine bestimmte Form des Konsens sowohl innen- als auch außenpolitisch zu finden. Das wiederum setzt bestimmte Fähigkeiten und einen Willen, voraus, auch der anderen Seite Gehör zu schenken. Trotzdem denke ich, dass sie ihre Meinung sehr direkt vorträgt, was sie auch in einer sehr gewandten Weise tut. Zumindest hat sie bei ihrem Besuch einen starken und sehr guten Eindruck in Washington, D.C. hinterlassen – sowohl bei Demokraten als auch bei den Republikanern. Deshalb denke ich, dass sie einen tollen Start hingelegt hat.

Ich hatte eher angenommen, dass die amerikanischen Politiker beider Seiten sie wegen ihrer offenen Kritik an Guantanamo eher kritisch beäugt haben.
Nein, absolut nicht. Man muss sich wirklich vor Augen halten, dass Guantanamo in den USA allein schon ein sehr heikles Thema ist. Die Demokraten sind überwiegend dagegen, und tun diese Meinung auch jeden Tag öffentlich kund. Auch ein guter Teil der republikanischen Partei ist dagegen, weil es gegen die internationale Gesetzgebung ist – und da viele der Politiker eine juristische Vergangenheit haben, fühlen sie sich damit natürlich unwohl. Sogar Offiziere im amerikanischen Militär sind geteilter Meinung darüber. Guantanamo ist eben ein Thema, das in der amerikanischen Bevölkerung für eine tiefe Kluft sorgt. Diejenigen, die die Existenz des Lagers unterstützen, sind eigentlich in der Minderheit. Deshalb ist das, was Bundeskanzlerin Merkel gesagt hat, auch nichts Außergewöhnliches – so was hört man in den Staaten jeden Tag.

„Mit der Einführung von Studiengebühren würde das Mitspracherecht von Studenten eine andere Qualität erhalten.“

Die Hauptursache, dass viele junge Wähler ihre Stimme nicht der CDU gegeben haben, war deren Plan, Studiengebühren einzuführen. Diese Sache wurde ja extrem hin- und her diskutiert. Aber da Studiengebühren an amerikanischen Universitäten üblich sind, nehme ich an, ihre Ansicht darüber ist zweigeteilt?
Ich kann die Studenten da sehr gut verstehen. Ich sehe ein, warum sie nicht unbedingt mehr für ihre Bildung bezahlen wollen – Geld fließt nirgendwo in Strömen. Ich würde aber trotzdem versuchen, die ganze Diskussion in einem größeren Zusammenhang zu sehen: Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum nicht mehr über Bildung im Allgemeinen diskutiert wird – wenn man keine Studiengebühren zahlen will, sollte man auch dafür plädieren, dass Kindergartenplätze in Zukunft gebührenfrei sein sollten. Schon die jüngsten Mitglieder dieser Gesellschaft müssen 200 bis 300 Euro für ihre Bildung zahlen.

Deshalb würde ich wirklich erwarten, dass man die Debatte ausweitet auf die generelle Idee für soziale Gerechtigkeit und eine freie Bildung. Das typische Gegenargument wäre jetzt natürlich, dass es eigentlich die Aufgabe der Gesellschaft sein sollte, Geld für die Bildung bereitzustellen. Das stimmt ja eigentlich auch. Die Studenten haben auch jedes Recht misstrauisch zu sein, was mit ihrem Geld passieren wird. Andererseits würde sich auch die Dynamik zwischen Hochschule und Studenten ändern. Sofern die Gebühren wirklich dahin fließen, wo sie sollen, würde sich die Ausbildung auch verbessern. Darüber hinaus würde das Zahlen von Gebühren den Studenten auch irgendwo mehr Macht im Sinne von Mitspracherecht an der Uni geben. Denn dann würden sie wirklich eine neue finanzielle Lobby bilden können – denn es ist ja schließlich so: Das Mitspracherecht haben sie zwar schon jetzt – aber die Qualität verändert sich doch gewaltig, ob dieses Recht nun prinzipiell vorhanden ist, oder mit 30.000 Euro jährlich.

Da Sie Professor für Geschichte sind: Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Zeitmaschine und könnten sich einen vergangenen historischen Moment aussuchen, an dem sie teilhaben könnten. Welcher Moment wäre das?
Vielleicht kann ich die Frage so beantworten: Selbstverständlich haben wir heute enorme globale Herausforderungen vor uns. Aber andererseits haben wir auch die unglaublich aufregende Möglichkeit, Gesellschaften zu formen, die offener, mobiler und demokratischer sind, als das jemals zuvor der Fall war. Und all das wird innerhalb der nächsten zwanzig oder dreißig Jahre passieren. Allein schon zu leben und an diesem Prozess teilhaben zu können, ist zumindest für mich absolut aufregend. Wenn ich zurückdenke, und mir zum Beispiel die letzten zwei Jahrhunderte ansehe, und mir dann überlege, ob ich damit würde tauschen wollen – meine ehrliche Antwort wäre: Nein. Wir haben so enorme Arbeit vor uns in den nächsten zwanzig oder dreißig Jahren, und dabei so viele Werkzeuge, mit denen wir diesen Prozess positiv und konstruktiv beeinflussen können, zum Beispiel, mehr Menschen in den Kreis von mehr Möglichkeiten und Selbstausdruck zu bringen. Darauf freue ich mich wirklich.

Leave a Response

Please note: comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.