„Die Probleme der Menschen mitnehmen“
Mit Barbara Höll, Leipziger Bundestagsabgeordnete für Die Linke.PDS, sprach Sebastian Schneider.
Frau Dr. Höll, wie funktioniert Ihr Arbeitsalltag, wie klappt das Pendeln zwischen Berlin und Leipzig?
Barbara Höll: Im Moment ist und bleibt Leipzig zeitlich mein Mittelpunkt. Meine Familie und meine Freunde sind in Leipzig, was sehr wichtig für mich ist. Ich empfinde Leipzig also als wichtige Basis und Verankerung. Die Arbeit in Berlin beansprucht mich mehr als ich dachte. Während der Sitzungswochen bin ich von Montag bis Freitag hier, sonst zwei Tage die Woche. Den Rest der Zeit verbringe ich mehr oder weniger in Leipzig oder bin woanders in Sachsen unterwegs. Ich merke, dass meine Anwesenheit wichtig für die Leipziger ist, das zeigt der Kontakt mit den Leuten in meinem Bürgerbüro, was ich ja schon als Landtagsabgeordnete hatte. Meine Bürgersprechstunden und Veranstaltungen werden zum Glück gut nachgefragt, und wenn ich nicht da bin sind es meine Mitarbeiter. Das Bürgerbüro wird es weiter geben und hier muss ich natürlich Präsenz zeigen.
Wenn Sie ein Zwischenfazit Ihrer Arbeit seit der Bundestagswahl 2005 ziehen, lief Ihre Arbeit so wie Sie sie sich vorgestellt hatten? Was hat Sie überrascht?
Die Konstellation einer großen Koalition ist schon etwas Neues, auf das ich mich erst einstellen musste. Die positivste Überraschung ist für mich, wie gut unser Miteinander in der Fraktion klappt. Wir sind 53 Abgeordnete aus teilweise sehr verschiedenen Spektren, davon sind zwei Drittel Neu-Parlamentarier. Das ist eine richtig große Herausforderung, aber wir haben uns sehr gut zusammengerauft.
Was schätzen Sie an Leipzig, was an Berlin?
Ich bin sehr gerne in Berlin, will hier aber nicht dauerhaft wohnen bleiben. Leipzigerin bin ich einfach durch und durch. Leipzig ist weltoffen, hat einen großen Bürgerwillen und ein großes bürgerliches Bewusstsein. Die Stadt bietet kulturell unheimlich viel, bleibt aber trotzdem fassbar. Der Stadtkern ist sehr schön, es gibt viel zu besichtigen. Man trifft sich in Leipzig und man erkennt sich noch, wenn man sich allerdings mal nicht erkennen will ist das auch kein Problem. Das alles finde ich gut an Leipzig.
Zur Zukunft Leipzigs: Hat sich durch die Wahl des neuen Oberbürgermeisters etwas geändert? Was erwartet die Stadt?
Natürlich bestimmt ein Oberbürgermeister die Geschicke einer Stadt und drückt ihr den Stempel auf, die Wahl zum OB ist eine echte Personenwahl. Ich war 2005 selber Kandidatin der PDS und deshalb direkt beteiligt. Es wird sich in jedem Fall einiges klären in den nächsten Wochen: Wir werden hören wie Herr Jung antritt, was er tun, und vor allem wo er kürzen will. Ich hoffe, dass er seine Position zur Schließung des Hertz-Gymnasiums in Paunsdorf und dem Umzug des Oswald-Gymnasiums noch auflöst – es wird eine harte Auseinandersetzung. Unterm Strich hoffe ich einfach, dass es in Leipzig gelingt, eine richtige Sachpolitik zu machen. Das ist unbedingt nötig, denn die Probleme sind so groß, dass man sie einfach nicht weiter übertünchen kann.
Wieviel Leipzig kann in Ihre tägliche Arbeit überhaupt einfließen?
Leipzig wird viel durch die Bundesgesetzgebung bestimmt. Ein Beispiel für regionale Akzente ist der Beschluss zur Angleichung von Hartz IV in Ost und West. Dass ich dafür gestimmt habe, hat auch mit meiner Verankerung in Leipzig zu tun. Es gab in dieser Sache Druck von unserer Fraktion, da konnte man spüren dass sich etwas verändert, wenn wir weiter daran festhalten. Natürlich funktioniert so etwas nicht immer, aber zumindest dieses Mal hat es geklappt. Vor Kurzem haben wir eine Anhörung von Hartz-IV-Empfängern im Reichstag gemacht, zu der ich auch Leipziger Betroffene eingeladen habe. Bei solchen Veranstaltungen kann man die vorhandenen Probleme der Menschen vor Ort mitnehmen. Ein anderes Beispiel wäre, dass wir für eine bessere Finanzausstattung der Kommunen kämpfen, was natürlich gerade Leipzig zugute käme. Regional setze ich mich außerdem gegen eine Stillegung der Bahnstrecke Hof-Nürnberg-Zwickau-Berlin ein. Dafür werde ich zusammen mit einer Kollegin eine kleine Anfrage im Parlament stellen.
Wie fällt das Feedback zu Ihrer Arbeit von Seiten der Leipziger Bürger aus?
Das ist wirklich schwer messbar. Mein Büro in Schönefeld wird von den Bürgern gut angenommen, weil sie merken dass dort immer jemand da ist und sie mit ihren Problemen einfach vorbeikommen können. Wir machen verschiedene Angebote, jeden Montag beispielsweise bieten wir Sozialberatung.
Ist Abgeordnete zu sein Ihr Traumjob?
Ach, ein Traumjob, ich weiß nicht ob es das gibt. Ich mache meine Arbeit gerne, es ist ein sehr schönes Gefühl wenn man weiß, dass man als Person gewählt ist. Aber so ein Amt bringt auch riesige Verantwortung mit sich. Die Erwartungshaltung der Bürger ist groß, der Job ist sicher auch anstrengend, reise- und arbeitsintensiv. Aber ich habe schon das Gefühl, dass ich was bewirken und ändern kann. Das ist schön.
Welches persönliche politische Ziel möchten Sie in absehbarer Zeit verwirklichen?
Mein persönliches Ziel ist, das Leben mit Kindern zu verbessern und einfacher zu machen. Damit meine ich Dinge wie die materielle Ausstattung von Familien, die Erhöhung von Kindergeld, Hilfe für Kinder mit armen Eltern, so etwas halte ich für ganz wichtig. Wir sind einfach in einer Situation wo Kinder Luxus sind – und das kann nicht sein.
