„Ein Zuhause auf Zeit“
Mit Michael Lindner, Leiter des Ronald-McDonald-Hauses Leipzig, sprach Raili Münke.
Was ist das Ronald-McDonald-Haus? Welches Konzept steht dahinter?
Ein Ronald-McDonald-Haus ist ein Elternhaus für Angehörige schwerkranker Kinder. Eltern können ganz nah bei ihren Kindern sein. Die Eltern sollen Kraft tanken, um am nächsten Tag wieder 100 Prozent für das Kind da zu sein. Außerdem können die Eltern Erfahrungen zu speziellen Therapien austauschen, die man, wenn das Kind aus dem Krankenhaus entlassen wird, anwenden kann um den Heilungsprozess zu beschleunigen
Welchen Beitrag leistet das Haus zum Heilungsprozess der Kinder? Gibt es irgendwelche Statistiken, die das belegen?
Ja. Eine Studie von der Universität Groningen in Holland hat „rooming in“, d.h. die Mutter schläft direkt beim Kind auf der Station, und die Ronald McDonald-Häuser verglichen. Sie hat festgestellt, dass gegenüber dem „rooming in“ der Heilungsprozess um 30% schneller verläuft.
Sind die Eltern in Einzelzimmern oder Appartements untergebracht?
Es sind Appartements mit zwei Betten und einer Ausziehcouch. Die Eltern haben ein eigenes Bad. Doch gibt es eine Gemeinschaftsküche. Schließlich sollen die Eltern sich nicht zurückziehen. Was fehlt, ist ein Fernseher. Wer allein sein möchte, kann das auf seinem Zimmer oder im „Raum der Stille“, in dem man den Gefühlen auch mit Unterstützung von Psychologen oder Seelsorgern freien Lauf lassen kann.
Bestehen Kooperationen mit anderen Einrichtungen?
Ja. Wir kooperieren mit Schulen, Kindertagesstätten, aber auch mit Vereinen, die hier mit der Universitätskinderklinik zusammen arbeiten. In den Kindertagesstätten werden die Kinder dahingehend erzogen, dass man sozial tätig ist. Oftmals basteln die Kinder kleine Geschenke. Aber auch mit Vereinen, wie Mukoviszidose oder dem Elternverein für krebskranke Kinder arbeiten wir zusammen.
Kostet der Aufenthalt die Eltern etwas?
Der Aufenthalt kostet die Eltern 15 Euro pro Nacht und Appartement. Das Geld wird von den Krankenkassen zurückerstattet. Und sollte das mal nicht der Fall sein, dann setzen wir uns dafür ein, dass die Eltern ihr Geld zurückbekommen. Nur die Dinge des täglichen Bedarfs oder Telefonkosten müssen die Eltern selbst zahlen.
Wie finanziert sich das Ronald-McDonald-Haus dann?
Durch die Übernachtungskosten, das macht etwa ein Drittel unseres Budgets aus. Die restlichen zwei Drittel sind ausschließlich Spenden.
Wie lange dürfen die Eltern bleiben?
Die Eltern bleiben so lange, wie die Kinder im Krankenhaus behandelt werden. Es gibt kein einchecken und auschecken wie im Hotel.
Es gibt also keine Anmeldefristen oder ähnliches?
Es gibt zwei Möglichkeiten: wenn man langfristig einen OP-Termin oder Therapietermin hat, signalisiert man, dass man an dem Tag ein Zimmer möchte. Eine Reservierung können wir nicht vornehmen. Schließlich können wir Eltern, die zu dem Zeitpunkt hier wohnen, nicht einfach aus ihrem „Zu Hause auf Zeit“ werfen. Der zweite Weg ist die Notfallsituation. Dann meldet sich die Station, dass eine Mutter bei uns schlafen möchte.
Wie viele Leute arbeiten hier?
Zwei feste Mitarbeiter und eine Auszubildende im Freiwilligen Sozialen Jahr. Der Rest sind ehrenamtliche Mitarbeiter. Davon haben wir 30.
Welche Möglichkeiten haben die Eltern, sich abzulenken?
Das wichtigste ist die Kommunikation mit den anderen Eltern, den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitern. Wir veranstalten jeden Dienstag für die Eltern ein Frühstück, wo alle zusammenkommen. Das gleiche machen wir als Kaffeetrinken am Mittwoch und am Donnerstag gibt es Abendbrot. Und dann kommt eine Ergotherapeutin auf Spendenbasis. Sie steht eine Stunde zur Beratung zur Verfügung. Wir haben eine ehrenamtliche Helferin gewinnen können, die Rechtsauskünfte im Sozialrecht gibt. Masseure kommen ins Haus. Einmal im Monat veranstalten wir mit der Begegnungsstätte Mühlstraße einen Familiensonntag.
Das Haus ist ja 2002 entstanden. Wie gut ist es seit dem angenommen worden?
Wir haben eine kontinuierliche Steigerung von anfangs 65 Prozent bis zu 85 Prozent Auslastung im letzten Jahr.
Warum hat man sich damals für Leipzig entschieden? In Jena ist doch auch ein Ronald-McDonald-Haus und Dresden wäre nicht so nahe an Jena gewesen.
Das hat was mit dem Engagement der Klinikleitung zu tun. Professor Wieland Kiess hatte sich damals dafür eingesetzt. Die ehemalige Bundestagspräsident Annemarie Renger ist mit Wieland Kiess an die McDonald´s Kinderhilfe herangetreten. Außerdem hatte man schon einen Schirmherren gefunden: Sebastian Krumbiegel.
Wer hatte die Idee, ein Ronald-McDonald-Haus zu gründen? Hatte derjenige eigene Erfahrungen mit einem kranken Kind?
Es gab vor dreißig Jahren einen Footballspieler in Philadelphia. Der musste mit seiner leukämiekranken Tochter ins Krankenhaus. Er selbst hat auf dem Flur geschlafen. Eine Ärztin sagte ihm, dass sie einen Traum von einem Haus hat. Das steht ganz nah bei der Klinik und die Eltern können darin wohnen. Dieser Footballspieler hatte einen Werbevertrag von McDonald´s und ist mit der Idee zum Chef von McDonald´s, Ray Kroc, gegangen. Der hat gesagt, ich gebe dir einen Dollar, wenn du mir einen bringst. Und so hat der Footballspieler Geld gesammelt. Ray Kroc hat das Geld verdoppelt, sodass man in Philadelphia das erste Haus bauen konnte.
Inwiefern hängt Mc Donald´s dann jetzt noch mit drin?
Sie geben uns im Jahr zirka 2,5 Millionen Euro für den Bau neuer Häuser. Die Restaurants vor Ort unterstützen uns natürlich; ob das bei Events ist oder ob man einen Knirps hat, der nichts isst: über Chicken McNuggets und eine Cola freut der sich immer. Da drücken auch die Ärzte mal ein Auge zu.
