Vom Wir-Gefühl zwischen Party und Patriotismus
Von Philipp Brandstädter
Da ist sie also schon wieder vorbei, das weltgrößte Sporthighlight, das grenzenlose Fußballfest, „unsere“ WM. Wir sind wieder frei. Keine Nerven aufreibenden Wartezeiten auf Nerven aufreibendere Spiele. Keine lärmenden Straßencorsos, keine schwarz-rot-gold bemalten Fans auf den Straßen. Das Fernsehprogramm wälzt sich wieder in seiner alltäglichen Spannungslosigkeit über die Mattscheiben und endlich kann man wieder über politische Unverschämtheiten debattieren anstatt über die Geschehnisse auf dem grünen Rasen. Oder man erinnert sich noch einmal an diesen vergangenen Monat, als „die Welt zu Gast bei Freunden“ war.
Das Projekt wurde ein voller Erfolg. Wer hätte schon erwartet, wie fröhlich, offen, humorvoll und hilfsbereit sich die Deutschen der Welt präsentieren können. Im Stadion, auf der Straße, vor der Großbildleinwand in der Kneipe – die Fußballfans feierten gemeinsam, selbst mit den sportlichen Erzfeinden von der Insel oder den Nachbarn aus den Niederlanden.
Leipzig sieht orange
Im Turnier wie immer glücklos, aber in Sachen Feierlaune durchaus mit den Gastgebern konkurrenzfähig, versetzten die Holländer nach dem Sieg gegen Serbien-Montenegro die Leipziger Innenstadt in den Ausnahmezustand. Bis zum Morgengrauen hatte sich der Austragungsort in eine orangefarbene Partymeile verwandelt. Danach setzten die deutschen Fans auf den Straßen ihren Siegeszug fort, um sich auf einer nie da gewesenen Euphoriewelle in Richtung Fußballsensation tragen zu lassen.
Selbst, als Fabio Grosso anderthalb Minuten vor dem rettenden Elfmeterschießen die Klinsmänner ins Tal der Tränen schoss, ebbte die Stimmung im Land nicht ab. Für einen Abend sollte zwar der Corso ausbleiben, doch die schwarz-rot-goldenen Flaggen blieben an den Autos montiert. Niemand der 60.000 Zuschauer im Westfalenstadion oder der dreißig Millionen Fans vor den Bildschirmen hatte mit einer derartig überzeugenden Leistung „unserer Elf“ gerechnet, die auch mit den Großen mithalten konnte und letztlich gegen den späteren Weltmeister den Kürzeren zog.
Jammervolk im Freudentaumel
„Stuttgart ist viel schöner als Berlin!“ Der Sieg über Portugal wurde wie der Titelgewinn gefeiert, die „Mission Klinsmann“ war geglückt: Einen torhungrigen Offensivfußball zu zeigen, der die Massen in die Stadien und vor den Fernseher lockt. Der begeistert, die Nation vereint, in einen Freudentaumel spielt. Der das notorische Jammervolk in einen weltoffenen Gastgeber verwandelt hat.
15.000 Zuschauer stehen vor der sechzig Quadratmeter großen Leinwand auf dem Leipziger Augustusplatz und brüllen „Deutschland“-Sprechchöre. Als die deutsche Nationalhymne über die Lautsprecher erklingt, stimmen tausende Fans mit ein. Die skeptischen Blicke bleiben aus. Vor ein paar Jahren wäre noch jeder eifrige Mitsänger in die Schublade der nationalistischen Primitivlinge verbannt worden. Die Weltmeisterschaft hat ein positives, Fahnen schwenkendes Wir-Gefühl entfacht, das der Nation im Zwiespalt zwischen Partylaune und Patriotismus noch immer nicht ganz einfach fällt.
Feierrituale sind noch ausbaufähig
Der Umgang mit den Nationalsymbolen ist wieder selbstverständlich, in Sachen „Wie drücken wir unsere Freude aus“ gaben sich die Fans jedoch noch sichtlich unbeholfen. Es fehlt an gemeinsamen Liedern, Chören und Tänzen – von dem flüchtigen Zahlenspiel der Sportfreunde Stiller, einer musikalisch bemitleidenswerten Verzweiflungstat unseres hosenlosen Maskottchens und den nicht enden wollenden „Schlaaaaand“-Rufen einmal abgesehen.
Doch wenn die junge Nationalelf auch unter Jogi Löw ihre derzeitige Leistung beibehält, kann man davon ausgehen, dass die deutschen Fans bis zu den kommenden Turnierfesten in der Schweiz und in Südafrika noch oft die Gelegenheit erhalten, an ihrem schwarz-rot-goldenen Torjubel zu arbeiten.
