Waschen, windeln, füttern – ein Tag in der Altenpflege
Von Nancy Dietrich
Es ist 6.45 Uhr, ein Sonntagmorgen. Während die meisten Menschen noch im Bett liegen, beschäftigt Schwester Claudia eine dringende Frage: „Sind das Windeln oder Einlagen?“ Die zierliche Frau steht in einem Lagerraum und hält ein Päckchen in die Luft. „Größe 110 – 150“. Etwas Grünes schimmert durch die Plastikverpackung. „Nehmen wir mal mit.“
Schwester Claudia heißt eigentlich Claudia Just, ist 34 Jahre alt und arbeitet für einen privaten Pflegedienst. Sie hilft Menschen, die sich nicht allein versorgen könnten, wäscht sie, kleidet ein, füttert, gibt Medikamente. An diesem Sonntag ist Schwester Claudia für den Frühdienst eingeteilt, 14 Patienten sind zu versorgen. Sie packt die Windeln in ihren silbernen Ford Fiesta, blickt noch einmal auf den Ablaufplan und los geht’s. Zuerst zu Herrn Zill.
Zwischen Röcheln und Kuckucksuhr
Ein kurzes „Augen zu und durch“, dann dreht sie den Schlüssel um und tritt in das Zimmer. Die Luft ist unerträglich. Es ist stickig und heiß, jeder Atemzug fällt schwer. Am liebsten möchte man auf der Türschwelle kehrt machen. Doch Schwester Claudia säuselt freundlich: „Guten Morgen, na mein Guter, ausgeschlafen?“ Herr Zill schaut sie mit großen Augen an. Auf seinem Nachttisch steht noch das goldene Glückwunschkärtchen zum 100. Geburtstag.
Schwester Claudia wechselt die pitschnassen Windeln. Dann holt sie ein Inhalationsgerät, denn Herr Zill leidet an chronischer Bronchitis. Das Atmen fällt ihm hörbar schwer, der Brustraum röchelt beim Luftholen. Sprechen strengt zu sehr an. Die Pflegerin hält das Gerät an den Mund und achtet darauf, dass er tief einatmet. Plötzlich ertönt ein lautes „Kuckuck“.
Die kitschige Uhr mit dem singenden Vogel erinnert Schwester Claudia daran, dass sie sich beeilen muss, die nächsten Patienten warten. Noch ein kurzer Eintrag in die Akte, dann streift sie die gelben Handschuhe ab, deckt Herrn Zill liebevoll zu und verabschiedet sich – vorerst, denn zum Waschen wird sie wiederkommen.
Drei Tropfen Mundwasser, bitte!
Frau Saupe, 91, ist die nächste. „Im Kopf topfit, nur der Körper will nicht mehr so mitmachen“, sagt Schwester Claudia und betritt mit einem fröhlichen „Na, gut geschlafen?“ das Schlafzimmer. Doch Frau Saupe hat nicht gut geschlafen, nur bis um drei. „Irgendwas lag da quer.“
Damit meint sie wohl das unhandliche Gestell, das sie wegen ihres künstlichen Hüftgelenks tragen muss, auch nachts. „So Frau Saupe, jetzt wird’s lustig.“ – „Na das wissen wir doch“, antwortet die alte Dame. Schwester Claudia nimmt die Bettdecke weg und befreit ihre Patientin von dem monströsen Gerät. Sie richtet sie behutsam auf. „Erst hinsetzen, dann langsam die Beine auf den Boden und aufstehen.“ Drei Schritte bis zum Toilettenstuhl.
Dort lässt Schwester Claudia die Patientin einen Moment allein. In der Zwischenzeit flitzt sie in der Wohnung umher. Ins Bad, Schüssel nehmen, Waschlappen nass machen, drei Tropfen Odol in den Zahnbecher. Dann in die Küche, Kaffee kochen, Brötchen schmieren. „Alles läuft nach Plan, ein fester Rhythmus, sonst ist die Arbeit nicht zu schaffen. Wenn ich auch nur einen Schritt zu zeitig mache, komme ich durcheinander.“ Zurück zu Frau Saupe,
Mund ausspülen, gurgeln, vier Mal. Wieder ins Bad, Schüssel mit Wasser holen, waschen. „Oh, das tut gut da hinten“, sagt Frau Saupe, als Schwester Claudia mit dem Lappen über den Rücken fährt. Das Hüftgestell hat über Nacht deutliche Abdrücke hinterlassen. Die Pflegerin cremt die Beine ein, umwickelt sie mit Stützbinden und holt eine samtene Hose.
„Heute gehen wir in rot“, legt sie fest. „Halt, falscher Eingang.“ Als Frau Saupe fertig eingekleidet ist, stützt sie sich auf ihren Laufwagen und geht Richtung Wohnzimmer. Schwester Claudia bringt das Frühstück, setzt sich gegenüber und erledigt den Papierkram. 45 Minuten dauert die gesamte Prozedur. Dann lässt sie Frau Saupe wieder allein. Noch ein kurzes „tschüß“ und auf geht es zu den nächsten Patienten.
Patienten zum Abgewöhnen
Insulinspritze hier, etwas Augensalbe dort, Blutwertmessung, Tablettenrationierung. Für jeden hat Schwester Claudia ein liebes Wort parat, hört zu, ohne die nötige Distanz zu verlieren. „Die Pflege in der gewohnten Umgebung ist natürlich individueller. Aber ich muss Abstand bewahren, sonst gehe ich kaputt.“
Dann kommt der Härtefall: Herr Semmelroth. Neun Patienten hat Schwester Claudia da schon hinter sich. Ein kurzer Blick in die Wohnung genügt und die Angst vor dem Altern ist präsent. Es stinkt, die inzwischen braune Tapete löst sich von der Wand. Der Glasdeckel auf dem Topf ist so verkrustet, dass man nicht mehr durchschauen kann. Auf dem Boden stapeln sich die Müllbeutel. Leere Buttermilch-Dosen stehen neben der Spüle.
Herr Semmelroth hat mit seinem Leben abgeschlossen. Er trägt eine schmutzige, angebrannte Jacke. Die Hose ist uralt. Wer weiß, wann sie zuletzt gewaschen wurde. Der alte Mann schimpft undeutlich vor sich hin und mault die Schwester an.
Zweifelt sie in solchen Momenten an ihrem Beruf? „Nein, auf keinen Fall. Ich wollte schon immer mit Menschen zu tun haben. Büro oder Fließbandarbeit, das wäre nichts für mich. Ecken und Kanten, die machen doch erst das Leben aus. Hier muss ich voll da sein, immer 100 Prozent bringen.“ Eigentlich steht heute ein Fußbad auf dem Plan, doch Herr Semmelroth hat keine Lust.
„Sie können machen mit mir, was sie wollen. Interessiert doch sowieso keinen.“ Schwester Claudia rümpft kurz die Nase, legt ein großes Tuch auf den dreckigen Hocker und wechselt wenigstens den Beinverband. Dann trägt sie den Müll nach draußen – obwohl dies nicht zu ihren Aufgaben zählt. „Eigentlich kann er das ja allein, aber wenn ich mit ihm streite, artet das nur wieder aus.“ Dennoch kennt sie die Grenzen. „Ich bin weder Sam noch Sklave. Ich mache mich nicht krumm – das ist wohl ein reiner Selbsterhaltungstrieb.“
Noch drei Patienten, dann ist die Schicht für heute beendet. Morgen um 6.45 Uhr geht es wieder los.
